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67

Shuma sah Nuala schockiert an als sie durch das Portal trat. „Nephele, sie ist für mich, für uns in der Hölle geblieben. Warum hat sie das getan?“
„Weil sie dich liebt.“ Antwortete Nuala nach einer kurzen Pause. Sie atmete tief durch, sie fühlte sich ähnlich überrumpelt. „Aber keine Sorge, wir reden hier immerhin von Nephele, ich bin mir sicher, sie findet einen Weg sich Luzifer zu entziehen.“
Shuma sah nicht wirklich überzeugt aus und Nuala trat näher zu ihm. „Los lass uns Illidan suchen, dann können wir auf die Erde zurück und sehen ob Nephele es geschafft hat. Und wenn nicht, tja, den Weg durch die Hölle kennen wir ja jetzt, dann laufen wir halt noch mal los und holen sie da raus.“
Sie sahen sich um, um zu entscheiden, in welche Richtung sie gehen sollten.
Es war eine eigentümliche Welt in der sie gelandet waren. Der Himmel hatte eine merkwürdig kranke, grüne Farbe und ein riesiger Mond hing bedrohlich über ihnen. Es sah aus, als ob er gleich auf den Planeten stürzen würde auf dem sie standen. Der Boden war felsig und an einigen Stellen wuchsen rote, polsterartige Gewächse. In einiger Entfernung hing eine Rauchwolke über dem Boden. Die beiden Magier sahen sich kurz an und stiefelten dann auf die Rauchwolke zu.
„Du willst zurück zur Erde? Ich dachte du wolltest Illidan begleiten.“ Sagte Shuma nachdem sie einige Meter gegangen waren.
„Am liebsten würde ich es, ja. Aber ich bitte dich. Wie realistisch ist das bitte? Es ist hart, aber bei der Reise die er vor sich hat, wäre ich doch nur ein Klotz an seinem Bein. Und…“ Nuala blieb stehen. „Ich bin nicht Mia, ich habe nicht vor jetzt schon zu entscheiden mit wem ich den Rest meines Lebens zusammen bleiben will. Wenn ich Illidan jetzt begleite bleibt mir keine Wahl, dann gibt es kein zurück mehr.“ Sie ging weiter.
„Warum bist du dann überhaupt mit hier runter gekommen?“ Shuma klang verwirrt.
„Zum einen, weil ich mich von ihm verabschieden möchte. Und auf der anderen Seite, ich konnte dich doch nicht alleine durch die Hölle gehen lassen. Und außerdem hatte ich in den Ferien eh nichts Besseres vor.“
Die Umgebung veränderte sich langsam. Immer mehr verkohlte Felsen waren verstreut und es lag ein eigentümlicher Geruch in der Luft. Eine Mischung aus Ozon, Magie und Staub.
Schließlich erreichten sie den Rand eines riesigen Kraters. An einigen Stellen glühte der Untergrund rot und kühlte knackend ab. In der Mitte des Kraters schwebte eine dunkle Wolke mit annähernd humanoider Form. In ihrem Inneren flackerten rote Blitze. Sie drehte sich und kam auf Shuma und Nuala zu. Sie erkannten rote, leuchtende Augen in einem konturlosen Gesicht.
„Das ist Illidan!“ rief Nuala erfreut. Sie konnte es kaum fassen, sie hatten es tatsächlich geschafft. Die beiden Magier warteten am Rand des Kraters während die Gestalt näher kam. Dabei schien sie zu schrumpfen und die eher formlose Wolke nahm immer mehr menschliche Gestalt an. Beinahe menschliche Gestalt. Dunkle Flügel breiteten sich von seinem Rücken aus und den Kopf zierten zwei mächtige Hörner. Nuala rannte los und sprang Illidan in die Arme. Er fing sie auf und drehte sich im Kreis um den Schwung abzufangen. Shuma konnte nicht sehen was sich unter den ausgebreiteten Flügeln abspielte, vermutete aber, dass die Beiden einen langen und intensiven Kuss tauschten. Schließlich hob Illidan den Kopf und sah ihn an.
„Hallo Shuma. Schön dass ihr gekommen seid.“ Hallte Illidans Stimme in seinem Kopf.
„Das habe ich dir doch versprochen alter Freund. Ähm, du hast übrigens die Hose vergessen.“ Antwortete Shuma in Gedanken. Nicht dass da irgendwas gewesen wäre, dass verdeckt werden müsste, Illidans Rasse war Geschlechtslos, und das traf auch auf seine menschliche Gestalt zu, aber trotzdem war es merkwürdig ihn so ganz nackt zu sehen.
Sie hatten sich etwas von dem Krater entfernt niedergelassen. Shuma lehnte mit dem Rücken an einem großen Felsen, während sich Nuala zufrieden an Illidan kuschelte. Szrillp und die anderen Gnome waren in der Backtasche beschäftigt.
"Was ist aus Majev geworden?" fragte Nuala neugierig.
"Tot. Wir haben dieser Welt tiefe Wunden geschlagen, doch schließlich konnte ich siegen." Antwortete Illidan.
Shuma fragte sich, ob es Illidan wohl früher, bevor er ihn, Nuala und die anderen kennen gelernt hatte, gestört hätte, dass sie während ihres Kampfes Schaden auf einer Welt anrichteten. Dann fiel ihm etwas ein. Er hob die Hand und beschwor die Chronobombe herauf. "Hier, deswegen sind wir ja eigentlich hierher gekommen."
Illidan nahm die Bombe an sich. "Danke, jetzt kann ich endlich in meine Heimat zurückkehren und meinen Auftrag beenden."
Nuala verkniff es sich zu fragen was er danach vorhatte. Vermutlich würde er wieder für seinen fernen Gott in einen sinnlosen Krieg ziehen und das war etwas was sie nicht hören wollte.
„Ihr habt länger gebraucht als ich dachte um hierher zu kommen.“ Sagte Illidan.
„Na du bist gut. Wir hatten doch keine Ahnung wo du bist.“ Nuala stupste ihn empört in die Seite.
„Wir sind einmal durch die Hölle gestiefelt um zu einem Portal zu kommen über das dich Nephele finden konnte.“ Erklärte Shuma.
„Nephele? Wo ist sie? Und warum habt ihr nicht die Informationen genutzt um mich zu finden die ich euch geschickt habe?“ Illidans Gesichtsausdruck blieb ausdruckslos, er vergaß meistens seine Mimik anzupassen. Shumas Gesicht hingegen zeigte deutlich Besorgnis und Trauer: „Nephele ist für uns in der Hölle geblieben, damit wir an Luzifer vorbei können.“ Dann hatte sein Gehirn auch den zweiten Teil der Informationen verarbeitet. „Welche Informationen meinst du?“
„Tasse war bei mir, als ich durch das schwarze Loch flog. Nachdem ich wusste wo ich bin habe ich sie zu euch geschickt, damit ihr mich finden könnt.“ Erklärte der Archon.
„Tasse war bei dir? Sie ist nicht bei uns angekommen.“
In diesem Moment kam Szrillp aus der Back-Tasche geklettert. „Hey Leute ihr glaubt gar nicht, wen wir gerade gefunden haben.“ Hinter ihm hüpfte Tasse aus der Tasche. „Sie hing in einer Portalschleife die von dieser Dimension in unsere führt. War echt Zufall, dass Grimmlich ausgerechnet auf sie gestoßen ist.“ Erklärte der Gnom. Hinter ihm kamen die anderen Gnome aus der Tasche, sie trugen einen großen Teller auf dem eine Riesenmenge Muffins aufgestapelt waren. Oben drauf brannten sechzehn Kerzen. „Wir wollten dir zum Geburtstag gratulieren Nuala.“ Sie strahlten das Wolfsmädchen an.
„Ihr habt bei dem ganzen Chaos tatsächlich an meinen Geburtstag gedacht?“ fragte Nuala gerührt.
„Klar, das ist immerhin die Aufgabe eines Backgnoms.“ Grinste Szrillp, froh das die Überraschung gelungen war.
„Und ich habe noch einen Vorschlag für dich.“ Ergänzte Grimmlich. „Was hälst du davon, dich selbständig zu machen? Die paar Terrarien aus deinem Zimmer sind mir geradezu aus den Händen gerissen worden. Und auch Anfragen auf neue Wunderwelten habe ich bekommen. Ich wäre natürlich dein Teilhaber, immerhin verschaffe ich dir die nötigen Kontakte.“ Nuala wusste gar nicht was sie sagen sollte. Stünde nicht die Trennung von Illidan so kurz bevor, dieser Tag wäre perfekt.
„Keine Sorge, Szrillp und ich bleiben bei dir um darauf zu achten, dass mein Bruder dich nicht über den Tisch zieht.“ Jirlazüp strahlte Nuala an, die schließlich völlig überwältigt nickte.

Ein paar Stunden später. Shuma stand vor einem offenen Portal, das ihn zurück zur Akademie bringen würde. „Also alter Freund, gute Reise. Und vielleicht sehen wir uns ja irgendwann wieder.“ Mensch und Dämon gaben sich die Hand, doch dann zog Shuma Illidan zu sich heran und umarmte ihn. „Machs gut, du wirst mir fehlen. Auch wenn ich froh bin, dass du mir nicht mehr ständig über die Schulter siehst.“ Shuma hob noch einmal die Hand. „Bis dann Nuala, wir sehn uns. Und lass mir Illidan heile.“
Nachdem Shuma durch das Portal getreten war sah Illidan zu Nuala herunter. „Es wird Zeit. Wohin soll dein Portal führen.“ Nuala grinste ihn an und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Weist du, ich finde das kann noch einen Augenblick warten. Erst möchte ich mich richtig von dir verabschieden.“ Sie zog Illidan sanft zu sich herunter und gab ihm einen Kuss. „Das weist du sicher, aber Männer sehen da unten ein klein wenig anders aus.“ flüsterte sie ihm ins Ohr.
Szrillp schloss den Eingang zur Muffin Tasche als sie zur Seite gelegt wurde. Es gab einiges zu tun. Die Beiden da draußen würden später bestimmt noch auf etwas anderes Hungrig sein.

66

Die Kälte nahm ihnen fast den Atem und ließ sie alle tiefer in ihre Jacken verschwinden. Im sonnenlosen Zwielicht lag stumm und starr der letzte Kreis der Hölle und er war aus reinsten, kältesten Eis. In seiner Mitte ragte eine gewaltige Gestalt auf, die böse und starr aus dem Eis zu ihnen herabstarrte, während ihr neuer Führer sich in einen Klotz Eis verwandelte.

„Oh Mist.“ Betroffen sah Shuma ihn an. „Und jetzt?“

„Umkehren macht nicht so richtig Sinn, oder?“ Nuala blickte schulterzuckend zu Luzifer. „Und wir wissen ja, das dieses Portal direkt unter dem großen Typen da hinten liegt und DER ist ja nun wirklich nicht zu verfehlen.“

„Dann lasst uns losgehen.“ Mit einem kleinen Schwung des Zauberstabes versorgte Nephele sie mit Spikes und sie stiefelten über die Ebene aus Eis.


Das Eis war so klar, das es schwarz war und man hindurchblicken konnte. Sie sahen die schmerzhaft verzerrten Gesichter und verdrehten Körper jener Seelen, welche als unheilbar galten. Zu verstümmelt, zu krank, zu wahnsinnig um je wieder geheilt werden zu können verwahrte man sie hier. Begraben im Eis der tiefsten Hölle, gefangen im ewigen Frost. Dieser Ort wäre Seths Schicksal gewesen, jedenfalls hatte er das behauptet. Wenn sich Nephele die Seelen ansah, dann bezweifelte sie es, er krank wie Seth war – dagegen machte er einen fast normalen Eindruck. Die Seelen die unter ihnen lagen besaßen nichts annährend vertraut menschliches mehr, nicht einmal das bisschen welches Seth selbst als Dämon noch besaß.

Der Weg zu Luzifer war lang, anstrengend und trotz der Spikes reichlich rutschig, aber sie kamen voran. Es war nicht zu sagen wie lange sie unterwegs waren, denn an diesen Ort war sogar die Zeit ein wenig festgefrostet, doch zuletzt standen sie vor Luzifer, der gierig und interessiert auf die kleinen Menschen vor sich herabsah.

„Da seid ihr also endlich,“ grunzte er, „Das ihr hier nicht vorbei kommt wisst ihr?“

„Steht noch nicht fest,“ knurrte Shuma und blickte angriffslustig zu Luzifer auf, „Immerhin sind wir bis hier her gekommen!“

„Seid ihr.“ Fletschend entblößte Luzifer seine Reizzähne. „Weil ich es zuließ. Glaubt ihr wirklich ihr könnt in mein Reich spazieren und ich hätte nicht die Mittel und Wege es zu verhindern?“

„Also willst du etwas von uns,“ schlußfolgerte Nephele – sie hatte sich etwas in der Art beinah gedacht. Bei allen Strapazen, es war ein wenig zu einfach gewesen die Hölle zu durchqueren. „Etwas von der Sorte, das freiwillig gegeben werden muss? Etwas das man nicht rauben, erpressen und erschwindeln kann.“

„Oder ich war einfach neugierig. Sooft kommt es nicht vor das ein paar sterbliche Irre meine Hölle lebend besuchen wollen.“

„Irgendwie glaub ich dir nicht ...“

Luzifer grinste breit. Sein altes Problem, man glaubte ihm einfach nicht wenn er unverkleidet auftrat. „Nun gut, Neugierde ist nur ein Aspekt,“ räumte er ein, „Was seid ihr bereit für den Durchgang zum Portal zu zahlen?“

Noch bevor die anderen etwas sagen konnten trat Nephele einen Schritt vor und sagte: „Mich. Dafür gehen die anderen beiden ohne jede Bedingung durch das Portal und ich werde es ihnen öffnen können.“


Dieses Angebot kam ein klein wenig unerwartet … vorsichtig gesagt.


„Das kannst du nicht machen!“ protestierte Shuma, aber Nephele blieb bei ihrer Meinung. „Doch, kann ich,“ beharrte sie, „Wenn das Portal offen ist, dann braucht ihr mich eh nicht mehr. Wo immer Illidan auch steckt, ihr werdet von da aus einen Weg finden müssen.“

„Aber du kannst doch nicht in der Hölle bleiben!“ protestierte Shuma und Nephele schüttelte den Kopf.

„Shuma, Luzifer verlangt einen Preis um zum Portal zu gelangen und weniger als einen von uns wird er nicht akzeptieren. Und es gibt gute Gründe weshalb ich bleibe. Ich bin die einzige, die nicht unbedingt zu Illidan will. Es ist ja nicht so, das ich ihn nicht mag, aber … Nuala muß ihn finden, denn sie muß sich entscheiden können. In Transylvanien wurde er ihr einfach weggenommen und das war schlecht für sie. Und du ...“ Traurig sah sie ihren Freund an und legte ihre Hand auf seine Wange. „Sein wir ehrlich, für mich wärst du nie durch die ganze Hölle gelaufen, aber für Illidan bist du es. Du wirst mich vermutlich nie so lieben wie du diesen Dämonen liebst und ich werde immer nur hinter euch beiden herstolpern und immer mehr zu einem dieser traurigen Gestrüppe werden, die wir im Wald gesehen haben. Kein schöner Gedanke.“

„Du bist meine Freundin!“

„Du liebst mich nicht so wie ich dich liebe,“ beharrte Nephele, „Du würdest für mich niemals durch die Hölle gehen. Ich bin es für dich, aber ich will nicht so enden wie Dunkelmond und wegen dir mich selbst verlieren.“

Luzifers gewaltige Pranke ergriff sie alle drei und setzte sie schwungvoll vor dem Portal ab, eine einfach Tür aus Stein, mitten im ewigen Eis. Von hier aus war es einfach befand Nephele und mit einem mehr als windschiefen Lächeln flüsterte sie „Illidan!“ und drückte gegen den Stein, der zur Seite glitt.

„Dahinter ist es ja nur schwarz!“ protestierte Shuma.

„Verglichen mit dem was hinter uns liegt ein vergleichsweise kleines Risiko.“ Zärtlich zog Nephele ihren Freund zu sich und küsste ihn – ehe sie ihn durch das Tor schubste. „Jungs brauchen manchmal einen kleinen Anstoß,“ murmelte sie zu Nuala, die sie fragend ansah.

„Wirst du wirklich nicht mitkommen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Diesmal nicht.“

„Und … wenn er es sich anders überlegt?“

Alles in Nepheles Gesicht sagte „Unwahrscheinlich, auch wenn es schön wäre.“ Schließlich antwortete sie: „Wenn er es sich anders überlegt, dann kann er mich suchen kommen. Ich werd warten, na ja – eine Weile jedenfalls.“ Und dann schon sie Nuala durch das Portal.


„Sie sind weg.“ Luzifer sah sie an. „Und du bist in meiner Hölle.“

„Ach Dämonen und Teufel ...“ Ein kleines Gerät blitze in ihrer Hand auf. „Ihr seid genauso schrecklich leichtgläubig wie wir Sterblichen. Immerhin, eine Gemeinsamkeit, nicht wahr?“ Und dann drückte sie den Rückholzauber, den ihr vor einer kleinen Ewigkeit Norelie gab und alles was Luzifer blieb war ein dummer Gesichtsausdruck.


Den immerhin niemand sah, was aber auch nur ein eher schwacher Trost war.


Nephele fühlte wie sie sich zusammenzog und ihr jemand einen Stuhl unter den Hinter stellte.

„Zurück aus der Hölle Fräulein Brockenfels?“ fragte die vertraute Stimme des Schulleiters. „Die Schule lässt einen nicht los, ist es nicht so?“

Sie holte sehr tief Luft und war froh das sie weder kalt, noch schweflig war. „Sieht so aus, als wäre ich wieder da.“ In ihrer Brust tat es weh, aber sie war sie fast ganz sicher: Eines Tages würde es vielleicht vergehen.

Hoffentlich.

65

Als sie die Wüste hinter sich ließen erreichten sie einen Abgrund aus dessen Tiefen unheimliche Laute zu ihnen hallten. Unwillkürlich fröstelten sie als ein kalter Hauch toter Luft sie umwehte. Der Abgrund vor ihnen wurde von mehreren knochenbleichen Brücken überspannt, die sich im Zwiellicht abzeichneten.

"Überquert die Maleborges, Sterbliche." sagte Seth während er schattengleich über die Brücken davonhuschte "Und bleibt nicht stehen."

Eilig folgten die drei dem Geist. Zunächst lagen die Brücken leer und ruhig vor ihnen und auch die Gruben unter ihnen störten sie nicht besonders. Doch nach und nach fiel es ihnen immer schwerer weiter zu gehen.

"Irgendetwas richtet seinen Willen gegen uns." grummelte Shuma und berichtigte sich sofort "Streiche irgendwas, setze Luzifer."

Er stolperte und wäre fast von der Brücke gefallen als plötzlich eine Vision durch seinen Geist zuckte. Nuala in Wolfsgestalt bewahrte ihn davor in die Tiefe zu stürzen indem sie seinen Ärmel mit dem Maul schnappte.

Einen Moment lang hatte Shuma sein Leben gesehen wie es verlaufen wäre wenn er Illidan nicht begegnet wäre. Er hatte sich selbst im Konzern seiner Eltern gesehen, wie er die Karriereleiter langsam hinaufstieg und geduldig abwartete. Um schließlich eines Tages die Firma zu übernehmen. Einige der Dinge die die Vision von Shuma mit einem solchen Unternehmen anfing irritierten den Jungen, doch er konnte nicht leugnen das ihm gefallen hatte was er gesehen hatte.

Nuala schimpfte Shuma kurz sehr undeutlich aus, einerseits weil ihre Wolfsschnauze nicht dazu gemacht war zu sprechen, andererseits weil besagte Schnauze voll Ärmel war. Da traf auch sie eine Vision.

Sie sah ihr Leben ohne Illidan. Sie sah wie sich ihre Werwolfsveranlagung immer mehr durchsetzte, bis sie sich schließlich einem Rudel in der Wildniss anschloss, wie sie es in Transilvanien auch schon fast getan hatte. Sie sah sich selbst, wie sie den Menschen zurückließ, mit ihrem Rudel jagte, spielte und lebte. Sie sah wie das Rudel ihr all die Zuneigung gab die sie von ihren Eltern manchmal vermisst hatte (und wenn sie ehrlich war: auch Illidan tat sich schwer mit diesen Dingen). Empfand der Dämon überhaupt irgendetwas für sie? Wäre sie mit dem Werwolfsmännchen, das sie nun in ihrer Vision sah, nicht glücklicher?

Nephele schüttelte den Kopf als hätte sie Wasser in den Ohren. Ihre Resistenz gegen Visionen war weit besser als die ihrer Begleiter, zumal Luzifer in ihrem Fall auch nicht so recht eine Angriffsfläche fand. Doch sie begriff was in Nuala und Shuma gerade vorging "Das sind nicht wir." sagte sie ruhig.

"Auf keinen Fall!" kläffte Nuala während sie sich auf die Vorzüge der Zivilisation konzentrierte. Fließendes Wasser, dachte sie. Heisses, fließendes Wasser.

"Wir könnten es vielleicht sein." sinnierte Shuma, immer noch erschrocken von dem was seine Vision ihm gezeigt hatte. Manchmal konnte auch Ehrgeiz einen Menschen verderben. Welcher Höllenkreis wohl für so jemanden reserviert war?

"Aber wir sind es nicht!" bekräftigte er dann und verdrängte die Vision seines älteren Selbst das in einem luxoriösen Büro in einem teuren Anzug vor anderen Anzugträgern gestanden und mit kalter Gleichgültigkeit "Dann legt sie halt um." gesagt hatte.

Illidan hatte Shuma einmal erzählt das es unendlich viele Dimensionen gab. Manche unterschieden sich nur durch die Form einer einzelnen Schneeflocke, manche unterschieden sich so sehr das es nichtmal Worte dafür gab. 

In irgendeiner Welt WAR Shuma Illidan nie begegnet. In irgendeiner Welt hatte Shuma nie besondere magische Kräfte entwickelt. Irgendwo hatte es Shuma nie gegeben, weil seine Eltern sich nie getroffen hatten. Und irgendwo hatte Shuma Urorboros übernommen und in eine Verbrecherorganisation verwandelt.

All das geschieht irgendwo und du hast nicht den geringsten Einfluss darauf, hatte Illidan gesagt. Doch das Irgendwo ist fern. Du bist hier!

 

Die drei hasteten weiter durch den aufkommenden kalten Wind der ihnen ins Gesicht wehte. Wieder und wieder flackerten Visionen und Trugbilder auf. 

"Shuuuma..." schnurrte Belle, die sich in einem Bikini auf einem Bett räkelte "Warum hast du es denn so eilig? Warum bleibst du nicht stehen?"

"Brummbärchen." schnurrte genauso die große Gestalt von Maunz, der aus ungeklärten Gründen mehr wie ein Werdackel wirkte während er Nephele zu sich winkte.

"Spielenspielenspielen." hechelte Sven Nuala zu bevor er anfing seinen eigenen Schwanz zu jagen

"Ich sehe, ich seeeehehehe..." Cyara tauchte vor ihnen auf, den glasigen Blick in die Ferne gerichtet "Ihr macht einen Fehler."

"Ihr verstoßt gegen die Vorschriften!" tadelte plötzlich Morgulas, der auf einem Querbalken der Brücke über ihnen saß und die Beine baumeln ließ "Hört sofort auf irgendetwas zu tun!"

"Genau!" bekräftigte Dunkelmond, die neben ihm saß und auf ihrem Sitzkissen herumrutschte, bevor sie anfing gleichermaßen tragisch wie tapfer zu schluchzen.

"Ihr seid doch echt zu doof!" keifte sie Azzura vom Wegrand an, bevor sie sich wieder Erlik widmete, der mit nacktem Oberkörper Taichiübungen praktizierte während er von einem Schwarm von Sukkubi umringt wurde und dabei wie ein Mantra etwas von sich gab das nach "YeahyeahichbinderBesteyeah." klang.

"Klappe! Klappe! KLAPPE!" Shuma verwandelte sich erneut und fegte all die Gestalten mit einem dunklen Gewittersturm von der Brücke. "Da soll einer nicht durchdrehen!"

 

Die Brücke endete vor einem erneuten Abgrund, vor dem Seth sie erwartete. Neben ihm hatte ein bizarres Wesen seinen gewaltigen Schlangenkörper, der versehen war mit Flügeln und Klauen, zusammengerollt. Das Wesen hob den Kopf, der dann hervorzuckte und die drei mit einem freundlichen Menschengesicht ansah.

"Glückwunsch, ihr habt den achten Kreis, Betrug, durchquert, wo die verdorbenen Seelen, die andere oder sich selbst betrogen haben aufbewahrt werden. Nur sehr wenige Seelen finden je einen Weg fort von hier, doch irgendwer scheint zu glauben das selbst die wenigen Seelen die es schaffen sich läutern zu lassen den Aufwand wert sind." begrüßte sie Seth, dann deutete er auf die Kreatur neben sich "Das hier ist Geryon, er wird euch in den letzten Kreis bringen, wo ihr euer Ziel findet."

Einen kurzen Moment zuckte ein Lächeln durch Seths entstelltes Dämonengesicht, ein Lächeln das sie sofort daran erinnerte das er einst ein Mensch gewesen war. "Unsere Wege trennen sich hier. Der neunte Kreis ist der Reich Luzifers, dorthin kann ich euch nicht folgen." kurz sah der Dämon hinunter "Denn in diesem Kreis ist ein Platz für mich reserviert. Geht jetzt."

Und mit diesen Worten löste der Geist von Seth sich einfach auf. Das Monster Geryon schlängelte sich in die Tiefe hinab, während sein Schwanzende immer noch auf der Brücke, direkt vor den dreien lag. So bildete Geryon eine improvisierte Leiter für die Magier, die sich an den Schuppen des Wesens festhielten und an ihm herunterkletterten.

64

„Ihr werdet sehen, die Rache wird mein sein!“ fauchte Mia wütend und sprang vor, zwischen die drei Magier. Sie war schnell, immerhin war sie ein Vampir. Als sie mitten zwischen den Magiern landete hatte noch keiner von ihnen auch nur einen Muskel gerührt. Mias Hände zuckten vor, streiften Shuma, Nephele und Nuala. Wenn Mia gewollt hätte wären sie alle drei jetzt tot. Doch immerhin war Mia ein Vampir, und Vampire hatten einen riesen großen Fehler, genau genommen mehr als einen, aber dieser eine kostete sie immer wieder Vorteile: Sie spielten mit ihren vermeintlichen Opfern. Und dabei stellte sich manchmal heraus, dass die auserwählte Person doch nicht so gut zum spielen geeignet war. Von Opfern ganz zu schweigen.

Mias krallenartige Fingernägel fuhren an Nualas Hals entlang, allerdings durchdrangen sie kaum das dichte Haarkleid. Nuala spürte die Berührung kaum, und ernsthaft verletzt wurde sie auch nicht. In einer fließenden Bewegung drehte sich Mia weiter, wollte Shuma mit ihren Krallen  über die Brust streifen. Er sollte leiden, so wie sie hatte leiden müssen. Allerdings war da nichts, was ihren Nägeln wiederstand bot, Shumas Körper war wie Rauch, der bei der Berührung des Vampirs zwar durcheinanderwirbelte aber verletzt wurde er nicht. Mia hingegen wurde dadurch aus dem Gleichgewicht gebracht. Und so erfolgte ihr Angriff auf Nephele alles andere als elegant. Sie zerfezte zwar einen von ihren Ärmeln, fügte ihr aber nur oberflächliche Abschürfungen zu.

Shuma reagierte als erstes, hob sein Schwert und ließ es laut aufheulen. Mit einem hastigen Sprung brachte sich Mia in Sicherheit. Sie wirbelte weiter, versuchte hinter Nephele zu kommen. Doch auch Nephele und Nuala reagierten inzwischen. Nuala wechselte ihre Form in die eigentliche Werwolfgestalt. Während des Wechsels konnte sie nicht verletzt werden, konnte ihrerseits allerdings auch nicht angreifen. Nephele wiederum hob ihre Voodoomatic und zielte auf den Vampir.

Keiner von ihnen hatte auf die Gnome geachtet. Die drei Magier wussten, dass sie ganz gut selber auf sich aufpassen konnten und Mia hatte noch nie mit freien Gnomen zu tun gehabt. Für sie waren es immer nur Dienstboten gewesen, die Aufträge ausführten, keine denkenden Wesen. ‚Dadurch unterschied sie sich allerdings nicht allzusehr von den meisten andern Magiern.’ Dachte Jirlazüp als sie mit Szrillp und Simwibb zusammen in der Back-Tasche verschwanden. „Ok, hier ist der Plan.“ Begann Simwibb. „Mia ist zwar eine arrogante Zicke aber leider auch stark und schnell.“ Die beiden anderen Gnome nickten. Jirlazüp hätte eine andere Bezeichnung genutzt als ‚arrogante Zicke’, ‚größenwahnsinnige, überhebliche, nervenzerfetzende Blenderin’ zum Beispiel, aber dafür war im Moment keine Zeit. „Ich habe mir überlegt, hier unten ist Zeit doch relativ, das heißt, ich müsste es hinbekommen über das Netzwerk ein fertig entwickeltes Heilmittel gegen Vampirismus zu beschaffen. Ihr müsst nur Mia solange aufhalten bis ich alles richtig konfiguriert habe.“ „Scheiße, das ist brilliant. Los Szrillp, lassen wir unseren Computercrack hier seinen Job erledigen. Und wir lenken solange die olle Blenderin da oben ab.“ Jirlazüp und Szrillp griffen nach einigen Ladungen für ihre Flammenwerfer. Feuer, Weihwasser, Knoblauch, Holzprojektile, irgendetwas davon würde Mia schon aufhalten, oder wenigstens solange ablenken bis Simwibb eine wirkungsvolle Waffe herbeigeschafft hatte.

Simwibb zog sich das Headset über den Kopf und begann mit fliegenden Fingern auf seinem Fung-i herum zu tippen. „Hey Grimmlich, gut das ich dich erreiche. Ich brauche hier deine Hilfe.“ Seine Finger huschten weiter über die Tasten als er der Antwort lauschte. „Nein, ich brauche dich hier.“ ... „Ja, ich weis das wir hier in der Hölle sind, na und? Los schwing deinen fetten Hintern hier runter.“ ... „Das ist mir egal, das du grade beim Picknick bist, wir haben hier ein interessantes Zeitverschiebungsproblem.“ ... „Ja ich bin mir sicher, das sich da Kapital draus schlagen lässt. Ich überlasse dir auch die Patente.“ ... „Ja ehrlich.“ ... „Nein, die Verträge kannst du später noch aufsetzen, komm endlich in die Hufe verdammt. Wir haben es hier mit einem völlig durchgeknallten Vampir zu tun.“ ... „Nein lebend, also untot, arg, du weist was ich meine! Jetzt mach endlich!“ Die Kreidelinien des Transportkreises glühten auf und Grimmlich erschien in ihrer Mitte, in der einen Hand ein Sandwich in der anderen ein Sektglas. „Ey, du Eierpfeife, wenn das nicht wirklich interessant ist schraube ich dir höchstpersöhnlich den Kopf ab.“ Grummelte Grimmlich grimmig. Nachdem Simwibb ihm erklärt hatte worum es ging waren Sandwich, Sekt und Picknick allerdings vergessen.

Draußen tobte inzwischen der Kampf. Nuala gab es nicht gerne zu, aber Mia war wirklich gut. Alleine ihre Schnelligkeit verschaffte ihr einen bedeutenden Vorteil und die  Regeneration tat ihr übrigens. Allerdinsg waren sie zu dritt und Mia hatte einiges Einzustecken. Sie hatte sich Nephele als vermeintlich einfachstes Opfer ausgesucht, musste allerdings feststellen, das diese mit ihrer Voodoomatic überaus gut umgehen konnte.

Aus den Einzelteilen die sich nach und nach über den Wüstenboden verteilten hätte man mindestens drei Mias zusammen bauen können, doch immer wieder wuchsen ihr abgeschnittene Gliedmaßen nach, und schlossen sich die tiefen Wunden wieder. Einen erfolgreichen Schlag der ihr den Kopf abtrennte gelang keinem von ihnen.

„Haltet durch! Wir arbeiten an einer Lösung!“ brüllte Szrillp. Er schoß eine weitere Ladung aus seinem Flammenwerfer ab. Diesmal hatte er ihn mit Weihwasser geladen. Doch es zeigte nur geringe Wirkung. Er huschte zurück in die Back-Tasche um neue Munition zu holen. „Wie siehts aus?“ keuchte er, während er verschiedene Munition zusammen suchte. „Es schleppt, aber wir sind dran. Wir haben eine Möglichkeit gefunden in die Zukunft zu kommen, arbeiten aber noch an der Feinjustierung.“ Antwortete Grimmlich. „Hey Szrillp, ich hab noch was für euch.“ Simmwibb deutete auf einige Ladungen Muition die im Transportkreis lagen. „Geweihtes Unkrautex. Vampire sind Pflanzen, Mia war davor schon halb pflanzlich. Das sollte helfen.“ Beladen mit der Munition huschte Szrillp wieder nach draußen.

Laut rastete das Waffenmagazin in Jirlazüps Flammenwerfer ein. „Deine Zeit ist gekommen Mia.“ Grollte sie. Für ihre geringe Größe klang es erschreckend tief und bedrohlich. „Im Namen von Mutter Natur, die du mit deinen Taten schändlich beschmutzt hast, werde ich dich bestrafen!“ Sie hob die Waffe und drückte ab. Das Projektil überwand den Abstand zwischen ihr und der Vampirin und traf. Erst schien es keine Wirkug zu haben, doch auf einmal ging ein zucken durch Mias Körper und sie brach zusammen. Immer noch Kampfbereit traten Shuma, Nephele und Nuala langsam näher und sahen auf sie hinab. Irgendetwas an Mia hatte sich verändert. Sie hatte immer noch ihre spitzen Zähne, ein Vampir war sie also immer noch, was war es also dann? Seth schwebte näher und betrachtete sie genauer. „Ich denke, ihr habt die Nymphe in ihr getötet.“ Stellte er schließlich fest. „Sie ist nur noch ein Vampir.“

„Das ist noch nicht genug.“ Knurrte Nuala und hob die Klaue. Doch dann zögerte sie. Sie konnte Mia nicht töten, nicht so. Ganz abgesehen davon das sie untot und damit praktisch schon tot war. Die drei Magier sahen sich an, jedes ihrer Gesichter spiegelte den gleichen Gedanken wieder. Sie konnten keinen Gegner der wehrlos vor ihnen auf dem Boden lag töten.

Der Augenblick zog sich in die länge und keiner von ihnen rührte sich. Kalt strich ihnen der Wüstenwind über die erhitzten Gesichter.

„Wir haben es!“ Simmwibb riss sie aus ihrer Starre. Er kam aus der Back-Tasche geklettert und hielt eine Spritze in die Höhe die genauso groß war wie er. „Das Gegenmittel.“

Sie hatten Mia das Mittel gegeben. Ein zucken war durch ihren Körper gelaufen, und ihre Eckzähne waren geschrumpft. Sie war wieder das was sie vorher gewesen war, jedenfalls fast. Sie war halb Mensch halb Nymphe gewesen, jetzt war sie nur noch ein Mensch. Und tot. „Sie hat sich selber getötet. In dem Moment als sie sich zum Vampir hat machen lassen war sie praktisch schon tot.“ „Was passiert jetzt mit ihr?“ „Minos wird sich um ihre Seele kümmern. Es wird lange dauern, bis sie geheilt ist, aber irgendwann besteht vielleicht die Chance, dass sie wiedergeboren wird. Falls ihre Seele noch nicht ganz verdorben war. Kommt, wir haben noch zwei Höllenkreise vor uns“ Langsam hinkten sie durch den Wüstensand vorwärts, sie hatten einiges an prügel eingesteckt und konnten eine Pause gebrauchen, doch keiner wollte an dem Kampfplatz bleiben. Sie würden eine andere Stelle finden um sich auszuruhen.

63

Langsam und lautlos schritt sie über den dunklen kalten Sand. Ihr Blick war auf die drei Magier und den Geist gerichtet. Als sie das köstliche Blut witterte grinste sie breit und zeigte ihre Fangzähne.

Sie musste die drei töten, dann würde Luzifer ihr zu ihrer Rache verhelfen. Rache an Seth, dem echten, nicht der Projektion der sie nun gegenüberstand, Rache an den Mördern Lucians, Rache an den Mördern ihrer Schwestern, Rache an den Vampiren. Und natürlich auch Rache an den drei Magiern, die immer schon ein Problem mit ihr gehabt hatten.

Shuma der die Frechheit besessen hatte sie nicht zu fürchten, der sogar mit ihr kooperieren wollte. Als wenn sie auf einen Menschen angewiesen wäre, als wenn es nicht unter ihrer Würde gewesen wäre. Illidan war noch interessant gewesen, Shuma selbst hingegen war nur ein Snack.

Nephele, die ihr von Anfang an auf die Nerven gegangen war. An der Akademie hatte sie jeder geliebt und verehrt, nur Nephele nicht. Diese Tatsache war wie ein Jucken an einer Stelle an der man sich nicht kratzen konnte. Nephele würde sterben, hier und jetzt, aber erst würde sie Shuma beim Sterben zusehen müssen. Ein bisschen Spaß musste sein.

Schließlich Nuala, der sie überhaupt keine Bedeutung zumaß. Sie war also nun ein Werwolf? Es spielte keine Rolle, denn sie war die Krone der Schöpfung.

Sie fixierte die drei aus eisblauen Augen und leckte sie voller Vorfreude über die Lippen. Sie hatten nie verstanden wie sehr sie zu leiden hatte, wie schwer sie es hatte und wie gut sie doch immer noch war. Naschön, sie lebte nur für Rache, Gewalt und Blut, aber das gab den dreien nicht das Recht über sie zu urteilen!

 

Shuma sah der Gestalt entgegen und schlug die Hand vors Gesicht als sie die Zähne blitzen ließ "Mia... uns bleibt auch garnichts erspart." schnaubte er entnervt, dann sah er Seth an "Wieso ist sie hier? Ist sie tot? Oder wie auch immer man das bei Blutsaugern nennt?"

Seth schüttelte den Kopf während er seine selbsternannte Todfeindin amüsiert musterte. Sie hier, in der Wüste der Seelen die sich gegen die Natur versündigt hatten zu treffen sprach Seths Humor an "Albert hat es doch erklärt: Zeit ist relativ. Sie ist in eurer Zeit noch nicht tot, aber irgendwann wird sie es sein. Spätestens wenn das Universum kollabiert."

Der Geist sah die drei an "Menschen leben häufig im Irgendwann. Irgendwann wollen sie bestimmte Dinge tun. Irgendwann wollen sie die große Liebe finden. Irgendwann wollen sie ihr Leben in den Griff kriegen. Irgendwann wollen sie sich mit allen versöhnen mit denen sie sich zerstritten haben. Und Irgendwann werden sie sterben. Die Hölle ist dieses Irgendwann, der letzte Abgabetermin für die To-do-Liste. Aufgrund ihrer Natur liegt die Hölle außerhalb der Zeit."

Wieviel von Seths Erklärungen Shuma verstanden hatte war unklar, doch er nickte bevor er sich an Mia wandte.

"Du wirst uns wohl nicht einfach durchlassen, hmm?"

Sie schüttelte den Kopf und zeigte erneut etwas Fangzahn.

"Das Zähnefletschen kannste dir sparen. Meine beste Freundin ist ein Werwolf, mich beeindruckt kein Gebiss mehr."

Shuma zog die Mädchen heran so das sie einen engen Kreis bildeten, dann schirmte er sie mit einem Luftzauber ab so das man nicht hören konnte was sie sagten "Ok, ich sage wir gehen den direkten Weg: direkt durch sie hindurch."

Stillschweigend einigten sie sich auf ihr Vorgehen, dann stellten sie sich Mia. Seth schwebte heran und tippte Shuma auf die Schulter "Du weisst wo du dich befindest?"

"In der Hölle, jaja, habs verstanden." grummelte Shuma "Der natürliche Lebensraum von Dämonen und der Ort an dem Dämonen ihre vollen Kräfte nutzen können, ohne irdische Beschränkungen. Weiss ich alles, ich war mal von einem Klugscheisser besessen."

Mit einem grellen Aufblitzen verwandelte Shuma sich. Auf den ersten Blick ähnelte er Illidans wahrer Gestalt. Doch wo der Archon aus Dunkelheit, durchsetzt mit Feuer bestand, wirkte Shuma wie eine finstere Gewitterwolke, durchdrungen von gelegentlichem Aufblitzen, die man in eine menschliche Gestalt gepresst hatte. Illidans Hörner waren nach vorne gerichtet, bei Shuma verliefen sie nach hinten. Illidans Augen hatten grün aus dem konturlosen Gesicht geglüht, bei Shuma waren sie blau wie Blitze im Nachthimmel. Statt der Flügel hatte Shuma zwei Auswüchse auf dem Rücken die an die Fangarme von Gottesanbeterinnen erinnerten. Von leuchtenden Adern durchzogene Klauenhände packten Shumas Schwert und ließen es aufheulen wie eine Motorsäge.

"Schade das Illidan nicht hier ist um das zu sehen. Er war sich immer sicher das es mal zum Kampf gegen dich kommen würde." hallte Shumas Stimme, die nicht nach ihm selbst klang über die Wüste in Mias Richtung "Du warst mir immer schon ein Dorn im Auge. Du löst deine Probleme indem du Angst verbreitest. Du lebst nur fürs Töten. Du hast nichts von dem was Menschen groß macht. Nuala und ich gingen einen ähnlichen Weg wie du und ließen unsere Menschlichkeit zurück. Aber wir haben es uns nicht ausgesucht, wir machen nur das beste daraus. Du hingegen hattest die Wahl und machst das Schlimmste daraus. Du tötest und empfindest Lust dabei. Du führst ein gewalttätiges Leben, nicht weil du musst, sondern weil du es willst. Wärst du ein Mensch würde man dich eine Soziopathin nennen und einsperren. Aber als Vampirin bewundert man dich für die schiere Tragik deiner Existenz. Du willst in der menschlichen Gesellschaft leben, aber dich nicht an die Regeln der Gesellschaft halten. Und... und..."

Shuma hatte sich in Rage geredet und war immer lauter geworden, doch nun geriet er ins Stocken.

"...Und du nervst!!"

62

Inzwischen war Nuala nur noch eines: Genervt. Und zwar entschieden. Sie wollte endlich am Grund der Hölle ankommen und durch das Dimensionsportal gehen. Wollte Illidan finden und dann zurück zu den Lebenden. Die toten Seelen um sie herum hatten an Schrecken verloren, sie waren einfach da.

Sie schenkte den Bäumen die hier wuchsen keine Aufmerksamkeit. Es waren Seelen, na und? Sie wurden hier geheilt, das war gut. Auf den ersten Blick wirkte das, was sie hier unten in der Hölle gesehen hatte erschreckend, ohne Frage. Aber wenn man den Schreck zur Seite schob, das ängstliche Tier in sich ignorierte und anfing zu denken: Was hier unten in der Hölle geschah war wichtig. Würden die Seelen hier unten nicht geheilt, würde nicht dafür gesorgt, das sie ihre früheren Leben vergessen, die Erde wäre inzwischen voll mit kaputten Menschen die alle mit den Problemen ihrer früheren Leben zu kämpfen hatten.

Für Nuala hatte der Tod den Schrecken verloren. Sie sehnte ihn sich nicht herbei, warum sollte sie. Aber sie hatte gesehen, dass es danach weiter ging. Vermutlich gab es noch andere Wege den eine Seele nehmen konnte, aber die Hölle an sich war nicht so schlimm wie man es vielleicht erwartet hatte und, es war überhaupt etwas das danach kam. Es war nicht einfach vorbei.

Wie schmerzhaft der Weg durch die Hölle wurde, nun dass konnte jeder selber entscheiden, indem er sich während des Lebens entsprechend verhielt. Wenn Nuala ehrlich zu sich war: So ganz kalt ließ sie das hier unten doch nicht. Wenn sie an den Blutfluss zurückdachte bekam sie Gänsehaut. Sie war ein Werwolf, und es gab Zeiten da fiel es ihr schwer nicht die Beherrschung zu verlieren. Nein, das war nicht der richtige Ort für trübsinnige Gedanken. Sie sah zurück zu Shuma und Nephele die nicht so schnell in dem Wald vorankamen. Sie sprang über einige Baumwurzeln zu ihnen zurück und stupste sie aufmunternd an.

Endlich sahen sie, wie sich der Wald weiter vorne lichtete. Nuala sprang vor und blieb überrascht stehen als sie die letzten Bäume erreichte. Das was da vor ihnen lag hatte sie nicht erwartet. Eisiger Wind wehte ihr entgegen und vor ihr erstreckte sich eine schwarze Wüste. Der Boden war hart, von kleinen schwarzen Steinen übersäht die ihr schmerzhaft in die Pfoten stachen. Eine Staubwolke hing über der Wüste, und der beständig wehende Wind schlug ihr hart den Staub ins Gesicht.

Seth verharrte neben Nuala, sie warteten auf die anderen. Gerade als sie zu ihnen aufschlossen schälte sich aus dem Staub eine dunkle Silhouette, jemand kam auf sie zu.

61

Vermutlich lag es an dem verflixten Schwan. Ohne den Schwan wäre Nephele niemals auf die Idee gekommen sich die Trauerweide einmal näher zu betrachten, an deren wuchernden Geäst acht kleine Teufel saßen und wie die wilden daran rumschnitten. „Sie wuchert schneller, als wir schneiden können!“ fluchte einer der kleinen Teufel ziemlich entkräftet und sah auf die dicken Blasen an seinen Klauen.

„Pöh, gestern hat die drei von der Zwischenschicht kompostiert und behauptet sie dürfe es, da gebe es irgendein Abkommen, deshalb wäre es legal,“ knurrte ein anderer der Teufel und trat versuchsweise gegen den Stamm. DAS kam Nephele nun endgültig bekannt vor und sie kam näher und betrachtete den Baum genauer – sie hatte sich in der Tat nicht getäuscht.

„Trauerweide MIT Schwan UND Teich?“ tadelte sie leicht seufzend, „Fehlt nur noch das unbequeme Kissen und … oh.“ Ein Zweig der Trauerweide zeigte raschelnd auf eine versteckte kleine Bank, neben der sogar eine Schachtel Kleneex mit Spitzenbesatz standen. „Gut, es fehlt nichts mehr, außer vielleicht gesunder Verstand.“ Aber dafür war Dunkelmond ja schon außerhalb der Hölle nicht so unbedingt bekannt gewesen.

Nun konnte sich Nephele so einiges vorstellen, aber was Dunkelmond in der Hölle machte, war ihr schleierhaft. Gut, sie hatte in der Akademie die Tendenz gehabt einem höllisch auf den Nerv zu fallen, aber deshalb kam man nach allem was Nephele noch nicht in die echte Hölle. Man bekam höchstens hin und wieder eines auf die Nase.

Die Chi- chia- chingesen – die Chewappchichi halt, seufzte der Baum vor ihr, Oje oje oje es war alles meine Schuld. Und jetzt mus ich für immer und ewig büssen …

Okay, DAS war Dunkelmond, da bestand für Nephele kein Zweifel. „Wieso, was ist passiert?“ Sie erinnerte sich dunkel an diese vampirhaften Wesen, welche Dunkelmonds Vater und ehemaligen verlobten mit einer Art Sexzauber umgarnt hatten und Dunkelmonds Bemühungen einen Weg zu finden die beiden Männer davon zu befreien. Den naheliegenden Vorschlag „Pflock rinn und durch!“ hatte sie sehr empört zurückgewiesen und lange Vorträge über das Recht auf Leben gehalten. Sie wollte einen Weg finden die Chewappchichi ohne Gewalt zu vertreiben und wenn sie dafür NOCH länger in der Bibliothek sitzen musste! Immerhin hatte sie schließlich eine Art Maschine entdeckt, welche einen für die Chewappchichi höchst unangenehmen Ton erzeugen würde.

„Unangenehmer Ton, das kannste laut sagen!“ kicherte einer der kleinen Teufel, „Kaum hat sie das Ding angeschmissen, standen wir hier knietief in gekillten Chewapchichis! Das hat einen Ton erzeugt, der denen über das Hörzentrum das Hirn zermascht hat!“

„Uiiii, aber na ja, deshalb gleich in die Hölle?“ Immerhin waren die Chewapchichis nicht sehr nett zu ihr gewesen und auch sonst nicht eben Stützen der Gesellschaft. „Für ein paar gegrillte Hirne?“

„Ein paar?!“ Der kleine Teufel hatte seinen Spaß. „Sie hat das ganze Volk platt gemacht. Das Maschinchen war ein Global-Killer-System, aber das stand ja auch drauf ...“

„Ich schätze, sie hat die Gebrauchsanweisung nicht ganz durchgelesen, hm?“

„Wer tut das schon?“ Schulterzuckend hackte das Teufelchen einige Äste ab. „Aber wegen der kompletten Ausrottung der Chewappchichi ist sie ja auch nicht hier.“

„Äh, nicht?“

„Nö, die sind samt und sonders in der Unterhaltsabteilung der Hölle untergekommen, die haben einige natürliche Begabungen ...“ Das Lächeln war so dreckig, das bei seinem Anblick selbst Seife sich hätte waschen wollen. „Nein HIER gelandet ist die taube Nuss wegen ihrem Beharren darauf Vampire resozialisieren zu können. Ich meine, das ging SOWAS von schief und trotzdem meint sie noch immer, es sei alles nur ein kleines Missverständnis und es wären doch edle Wesen. Und das sie komplett zerfleischt wurde war nur ein kleines Missverständnis. Tjo, bis sich das ausgewachsen hat ...“ Mit ehrlichen Bedauern sah er auf seine Finger und Nephele schlenderte nachdenklich weiter.

„War was?“ fragte sie Shuma, als sie wieder aufschloss und sie schüttelte den Kopf.

„Nichts, das nicht zu erwarten gewesen wäre, echt nicht,“ antwortete sie und ging weiter.

60

Wieder einmal drängte Seth zur Eile, denn hinter ihnen, über dem Umriss von Dis am Horizont, stiegen unzählige Teufel auf und zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Sie waren alarmiert worden und suchten nach den drei Eindringlingen.

Sie hasteten den Strand hinauf in den finsteren Wald direkt dahinter hinein. Völlige Stille umfing sie. Eine düstere, schwere Stille. Vorsichtig schlichen sie dem durchsichtigen Schemen Seths hinterher, der vor ihnen durch das Unterholz huschte.

"Alter, wie wärs wenn du mal einen Gang runterschaltest? Wir sind keine Gespenster wie du, wir müssen Hindernisse umgehen anstatt durchzurauschen." beschwerte sich Shuma.

Sofort raste Seth auf ihn zu und presste ihm die Hand auf den Mund "Schwachkopf!" zischte Seth und deutete nach oben, wo durch die hohen Baumkronen hindurch der finstere Himmel zu sehen war. Undeutliche Gestalten huschten über die Gruppe hinweg. Teufel, die auf der Suche nach ihnen waren.

"Leise." flüsterte Seth und schwebte weiter, während die drei ihm so leise wie möglich folgten.

 

Irgendwo in der tiefsten Tiefe der Hölle sah Luzifer von seiner Kristallkugel, in der die drei Magier zu sehen waren, auf und wandte sich der Gestalt zu die, in einen dunklen Umhang gehüllt, vor ihm stand.

"Sie sind im Wald der Selbstmörder. Nicht übel." unwillig schwang er seine sechs Flügel während seine drei Münder die Zähne fletschten. 

"Großer Lord?" die Gestalt vor ihm erkundigte sich zaghaft.

"Der Ort an dem beschädigte Seelen regenerieren." erklärte Luzifer

 

Im Wald wandte Seth sich an seine Begleiter "Es landen auch viele Seelen in der Hölle die unverschuldet Schaden im Leben genommen haben. Gute Menschen, die ein Trauma erleiden, aus welchen Gründen auch immer. Leute die den Verstand verlieren, durch äußere Umstände oder durch Krankheit. Naja, und eben auch Selbstmörder. Eine Seele muss großen Schaden nehmen bevor ein Mensch überhaupt fähig ist sich selbst zu töten."

"Ich seh hier aber niemanden." flüsterte Shuma.

"Achte auf die Bäume." antwortete Seth.

Shuma sah sich um und beobachtete die Bäume ringsum. Dann riss er die Augen auf "Ach du Sch..."

 

"Die Toten die sich selbst Gewalt antaten fallen im siebten Kreis, im Wald zu Boden und sprießen dort so lange bis sie wieder lebensfähig sind. Minos schickt auch deinesgleichen oft dorthin." Luzifer grinste humorlos "Junge Mädchen die..."

Die Gestalt unterbrach Luzifer mit einem genervten Schnauben "Jajaja, ich weiss was du sagen willst. Spar es dir, du wirst mich nie verstehen!"

"Wie wahr..."

 

 "Das fass ich ja nicht!" hauchte Shuma als er sich die Bäume ringsum genauer ansah "Das sind Leute!"

Jeder Baum war in Wahrheit, wenn man genau hinsah, eine Person. Fest angewurzelt und reglos, mit leeren ausdruckslosen Holzgesichtern, standen die Toten beieinander und bildeten den Wald der Selbstmörder, während sie langsam wuchsen um irgendwann wieder vollständige Seelen zu sein. Und wieder zu leben. Harpien flatterten von Baumkrone zu Baumkrone und zupften tote Blätter ab. Höllenhunde tollten wild über die Wurzeln. Und die drei bahnten sich vorsichtig einen Weg durch den Wald.

 

Luzifer schnaubte ungehalten "Seth weiss was er tut, auch wenn ich ihm das nicht zugetraut hätte. Die Teufel die über dem Wald kreisen finden die Drei nicht." Sein bizarres Dreifachgesicht wandte sich der Gestalt zu "Geh und fang deine alten Freunde ab. Halte sie auf."

"Und danach kann ich meine Rache haben?"

"Wenn das alles ist was du begehrst... Ja, du wirst Rache nehmen können, an wem auch immer du willst." Luzifers breites Grinsen fügte unausgesprochen hinzu: es wird interessant sein dir dabei zuzusehen. Wenn man der Herr der Hölle ist...

59

Es war nicht alleine die Liebe, die Nephele daran zweifeln ließ, das Shuma jemals in diesem ekligen Fluß landen würde. Sie hatte seine Gedanken gesehen als er die Arena betreten musste und auch wenn seine Taten reichlich blutgetränkt gewesen waren, seine Gefühle und Gedanken waren es nicht gewesen.

Noch nicht. Eine leise Stimme hauchte tief in ihrem Ohr vor sich hin. War wie lange wird das wohl anhalten? Bei dem Leben was ihr so führt? Und bei der Gesellschaft in der er sich bewegt? Sein bester Freund ist ein Dämon und sein wir mal ganz ganz ehrlich zu uns selbst: Seine Freundin ist auch nicht grade die Mutter aller Mildtätigen.

Als Kind einer Hexengesellschaft erkannte Nephele eine Einflüsterung, wenn sie in ihrem Ohr hockte, aber dummerweise musste sie sich eingestehen, das der Flüsterer im Dunkeln da nicht ganz Unrecht hatte. Natürlich war Illidan ein Dämon, aber irgendwas sagte ihr: Um Illidan ging es hier grad nur am Rande. Ihr wurde der unfreundliche Spiegel vorgehalten und es war zu befürchten, das ihr nicht gefiel was sie sah.

Ganz abgeneigt bist du nicht, das weißt du. Da ist dieser kleine böse Kobold in dir drinn, der immer riesengroß und wild wird, wenn du dich ärgerst. Die Wutbombe mit der denkbar kurzen Zündschnur. Und wenn du einmal gezündet bist, dann gibst du dich nicht wirklich mit einem leisen „Ach wie dumm“ zufrieden, da willst du Blut sehen. Paar Eingeweide dürfen es auch sein, oder? Vorhin, als dir die Munition ausging … das war doch nicht alleine eine praktische Erwägung die Zähne zu benutzen? Es hat etwas in dir zutiefst zufriedengestellt.

Etwas in mir hatte zutiefst den Wunsch zu kotzen wie ein Wolf, widersprach Nephele.

Man braucht schon eine besondere Gesinnung um auf eine solche Idee zu kommen …

Es reicht auch aus von einer Horde wild gewordener Höllenbewohner angegriffen zu werden. Etwas in ihren Ohren lachte leise vor sich hin. Na schön, sei es drum, kicherte es, ist ja nicht so als würde es an Beispielen irgendeinen Mangel geben. Ein freundlicher Mensch bist du ja nun nicht wirklich. Boshaft. Hast etwas für diese ganzen kleine Grausamkeiten über. Hier ein Stich, da ein Seitenhieb, dort eine gezielte Gemeinheit …

Was für den Blutfluß hinter uns wohl nicht ganz reichen dürfte. Die da festsitzen haben schlimmeres getan als gelegentliche sarkastische Bemerkungen und Mercedes an der Unterwäsche aufgehängt.

Ach, alles andere hast du schon verdrängt? Auch deine Zeit als Vampir?

Als allergische Reaktion, verbesserte Nephele süß-säuerlich. Und ich hab mich da keiner besonderer Grausamkeit schuldig gemacht. UND ich hatte KEINEN Spaß dran. Nicht viel. Und nicht mit Absicht.

Oh ich sage ja nicht das du derzeit kichernd mit blutigen Händen durch die Gegend rennst und für Nachschub am Höllenhaupttor sorgst. Moral, Ethik und so, jaja, das kannst du alles. Du glaubst es sogar … meistens jedenfalls. Aber manchmal, wenn du tief in dich reinsiehst, da ist da kein Sonnenscheinland, oder?

Da herrscht aber auch nicht grad Mord und Totschlag!

Dann sag mir doch mal eines, kleine Finsterfee: Was meinst du? Wie lange wirst du es schaffen eine halbwegs verträgliche kleine Mistbiene zu bleiben? Wann bricht deine wahre Natur durch? Wann hinterlässt du die breite Blutspur? Und jetzt erzähl mir nicht das Märchen von „Niemals“, denn ich seh deine Seele und Baby, die ist nicht grade rosig-rot. Ich sag ja gar nichts von reinschwarz, aber eines Tages?

… Es gingen ihr einige Antworten durch den Kopf, doch alle waren fatal nahe dran einen guten Beweis für ihre grundlegende Gewalttätigkeit abzugeben. Dummerweise hätte sie jetzt ganz gerne den Urheber der Stimme zwischen ihren Ohren gerne wenigstens tief in den Hintern getreten – mindestens und das war nicht gut.

Dumme Sache, was? Zu erkennen wohin der Weg geht. Was man ist. Nicht das was man sein wollte. Los, blick ruhig in den Spiegel oder weißt du jetzt schon, was du sehen wirst?

Wütend und trotzig ließ sie ihren Geist in den dunklen Spiegel sehen – sie wusste das sie besser war, als die Stimme sagte. Es gab keinen Höllenkreis der Grummeligen und leicht pessimistischen. Noch gehörte Sarkasmus nicht wirklich zu den Todsünden. Und dennoch, wenn man alles zusammen nahm … das Bild war kein schönes. Es konnte einen wahnsinnig machen, wenn man dem ins Auge blickt, was man versuchte gut und gründlich auf dem tiefsten Grund der Seele zu begraben. Und wenn der Wahnsinn erst einmal da war, dann war die Raserei nicht weit. Nicht die im Geiste, die reale.


Jemand biss Nephele in die Wade und zwar nicht eben sanft. Nicht so stark, das sie um die Wade fürchten musste, abgesehen von einem deutlichen Zahnabdruck war nicht viel zu sehen, aber deutlich genug um mit (zahnigen) Nachdruck auf sich aufmerksam zu machen. Laut fluchend, verblüfft und verwirrt hüpfte sie herum und warf dabei fast Shuma und Nuala mit um, welche sich beeilte ihre Zähne wieder aus Nepheles Wade zu entfernen.

„...?!“ japste Nephele und untersuchte den Biss. „Hasenwilde?!“

„Nein, aber du,“ antwortete Nuala recht gelassen, „Und da gegen Besessenheit Wolfsbisse garantiert wirksam sein sollen hielt ich einen Haps für ganz angebracht.“

„Ich … also ich ...“ Verwirrt sah Nephele sich um, „Ich weiß nicht was eben Realität war. Ich weiß nur das ich eine Stimme in meinem Kopf hatte ...“

„Luzifer, vermutet jedenfalls Seth,“ nickte Nuala, „Er versuchte uns allen einen vom Bösen in uns zu flüstern und bei dir hatte er wohl ein offenes Ohr.“

Blöde Selbstzweifel, grollte Nephele innerlich. Jetzt kam ihr das Bild aus dem dunklen Spiegel mehr als grotesk vor. „Danke dir für den klärenden Biss,“ schnaufte sie, immer noch das Bein reibend. „Aber wie konntest du deinen klaren Kopf behalten, wenn Luzifer doch allen im Kopf rumspukte?“

Wenn Werwölfe grinsen sah das beunruhigend aus. „Einfache Sache,“ hechelte Nuala gut gelaunt, „Klarer Fall von schlimme Fehleinschätzung. Nuala ist denkbar harmlos, da fand er ja kaum einen unfreundlichen Gedanken und der Wolf … was meinst du wie egal so einem Wolf ist was ihm der Teufel ins Ohr flüstert?“

58

"Ich hatte einen recht guten Lehrer." murmelte Shuma.

Um einen Zentaur zu imitieren brauchten sie vier Leute. Shuma erzeugte einen Doppelgänger der sich hinter Nuala stellte, während Shuma selbst sich hinter Nephele positionierte. Nuala und der Doppelgänger sprachen eine Zauberformel und erzeugten damit ein Trugbild eines Zentauren um sich herum. Shuma und Nephele taten es ihnen gleich.

Dann kam der schwere Teil. Die jeweiligen Partner mussten möglichst gleichmäßig über den Fluß, damit die Illusion nicht zerbrach. Die Mädchen sprangen über die dampfende Oberfläche von einem Kopf der Verdammten zum anderen, während Shuma und der Doppelgänger ihnen gleichartig folgten. Sie blieben möglichst auf Abstand zu den echten Zentauren die über den Fluß schritten und die Toten zurück in das kochende Blut stießen und steuerten in einem Zickzackkurs das andere Ufer an. Zuerst war es ungewohnt und anstrengend, doch nach kurzer Zeit gewöhnten sie sich an diese Art der Fortbewegung und konnten ihrer Umgebung mehr Aufmerksamkeit widmen.

"Ziemlich viele Vampire hier, oder?"

"Wundert dich das?"

"Nee. Seth sagte ja das dieser Kreis für die ganz schweren Fälle ist, die Lust dabei empfinden wenn sie andere verletzen oder töten. Das gilt halt speziell für Vampire."

Shuma schüttelte traurig den Kopf "Haben wir ja in Harverest gesehen. Egal was ein Blutsauger dir erzählt, egal auf was für Ersatzdrogen er ist, irgendwann geht er auf Menschen los."

Shuma erinnerte sich an eine Frage die Illidan ihm einst gestellt hatte: Wieso wird ein Mensch der zum Vergnügen tötet eingesperrt, während ein Vampir für die gleichen Taten vergöttert wird?

Shuma hatte keine Antwort gewusst.

Ich habe schon viele Wesen getötet. Verdiene ich nun auch Bewunderung? Bin ich nun auch sexy? hatte der Dämon gefragt.

Shuma hatte die Frage, auch im Hinblick auf Nuala, übergangen.

Der Junge riss sich aus seinen Gedanken während er auf das Gesicht eines Chiraden trampelte, vielleicht etwas fester als wirklich nötig, um weiter zu kommen. Das andere Ufer kam bereits in Sicht. Direkt vor ihnen ging der Blutfluß in einen ansteigenden Strand über. Etwas weiter flußabwärts sahen sie die gigantische Gestalt eines Stiers aus Feuer, der flüchtende Seelen in den Fluß zurücktrieb und beschlossen möglichst weit von ihm entfernt an Land zu gehen.

Schließlich sprangen sie über die letzten Köpfe und betraten den Strand.

"Völlig abgefahren." meinte Shuma und drückte Nephele an sich "Erinner mich daran immer entspannt und ruhig zu bleiben, und niemals gewalttätig zu werden, damit ich nicht hier lande."

57

Nachdem sie Dis verlassen und der Fluss in Sichtweite gekommen war, hatte Nuala mit begehrlichem Magenknurren und unkontrollierbarer Jagdlust zu kämpfen gehabt, ausgelöst von dem Blutgeruch. Sie forderte schließlich eine kurze Pause in der sie sich in ihre menschliche Gestalt verwandelte und was anzog. Das letzte was sie im Moment gebrauchen konnte war eine nicht kontrollierbare Jagdlust und daraus folgender Blutrausch.

„Wie kann der Zentaure über das Blut laufen?“ fragte Nuala verwirrt und beobachtete aufmerksam den Zentauren. Schließlich erkannte sie was er tat. „Er tritt auf die Köpfe der Seelen in dem Blutfluss. Erstaunlich, das er seine Beine dabei nicht verknotet. So kommen wir vielleicht auch über den Fluss.“

„Über die Köpfe rennen?“

„Hast du eine bessere Idee?“

„Nicht wirklich. Und wie verhindern wir, dass die Zentauren uns entdecken?“

„Seth, du kennst dich doch aus, können Zentauren Illusionen durchschauen?“

Seth schien einen Augenblick nachzudenken. Schüttelte dann den Kopf: „Soweit ich weis nicht.“

„Wie gut seid ihr mit Illusionszaubern? Meine Fähigkeiten würde ich als ganz passabel einstufen. Wenn wir uns immer zu zweit zusammen tun und die Illusion eines Zentauren zaubern, könnten wir es unbemerkt über den Fluss schaffen. Und keine Sorge wegen dem Magieverbrauch, ich habe Magieverstärker dabei.“

Fragend sah Nuala von Shuma zu Nephele.

56

Sie huschten in ihrer improvisierten Verkleidung in die Stadt hinein. Während sie versuchten möglichst teuflisch auszusehen schlichen sie sich durch die leeren Gassen und umgingen die belebten Hauptstraßen. Gelegentlich flogen Teufel über ihre Köpfe hinweg, achteten aber nicht weiter auf die drei. Von oben sahen sie nur zwei vermummte Gestalten, dicht gefolgt von etwas Großem, Pelzigen. Die wenigsten Teufel hatten je die Erde gesehen, darum konnten sie einen Werwolf nicht von einem pelzigen Dämonen unterscheiden. Der Geist von Seth schwebte vorraus und spähte in jede Abzweigung um ihnen ein Zeichen zu geben wenn die Luft rein war.

So bahnten sie sich den Weg durch die finsteren Straßen zwischen den hohen Gebäuden. Wann immer sie eine breite Straße oder einen Platz überquerten sahen sie ab und an Gestalten die gelangweilt herumlümmelten oder ziellos umherschlenderten. 

"Auch Teufel haben ab und an Feierabend." flüsterte Seth den dreien zu.

Den Ausgang aus der Stadt Dis bildete ein weiteres großes Tor, das sie eilig hinter sich ließen, froh aus der Stadt der Teufel unbehelligt entkommen zu sein. Vor ihnen führte eine breite Straße abwärts in die Dunkelheit.

"Nun erwarten uns die letzten drei Kreise der Hölle." vernahmen sie Seths Stimme, auch wenn sie ihn in der Finsternis kaum noch sahen. "Die oberen Kreise müssen so gut wie alle Toten durchlaufen, weil sie dort von den Dingen erlöst werden die jedem Menschen widerfahren. Doch die letzten drei Kreise sind für die wirklich bösen Seelen gedacht."

Shuma versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch er ertappte sich dabei geistesabwesend mit den ausfahrbaren Klingen an seinen Armschienen herumzufummeln. Er hob die Hand vor seine Augen, mit der Handfläche nach oben. Dann ließ er die Chronobombe aus seiner Hand heraufsteigen.

"Keine Furcht. Reiss dich zusammen!" flüsterte er sich selbst zu "Es geht um mehr als nur um dich. Illidan hätte auch nicht davor zurückgeschreckt."

Irgendwie fühlte Shuma sich trotzdem nicht besser.

 

Die Finsternis ringsum wich langsam einem rötlichen Glühen das die Umgebung erhellte während sie weiter gingen. Schließlich endete die Straße am Ufer eines roten Flusses.

"Phelegton." sagte Seth "Der dritte große Fluß der Hölle."

Shuma hockte sich an das Ufer wo kleine Wellen in den grauen Sand schwappten und steckte einen Finger in die zähe Flüssigkeit "Heiss." kommentierte er.

"Hier am Rand ist es nur heiss, weil flache Gewässer schneller abkühlen. Der Rest des Phelegton kocht." sagte Seth.

"Und er stinkt." meinte Shuma "Werde ich sehr entsetzt sein wenn ich frage was das für ein Fluß ist und was er macht?"

Der Geist deutete über den Fluß. Als die drei seiner Hand mit den Blicken folgten sahen sie Gestalten aus dem Fluß aufsteigen. Sie erkannten menschliche Umrisse die dem Strom entkommen wollten. Ein Zentaure galloppierte über den Blutfluß heran und tauchte die Gestalten wieder unter die Oberfläche.

"Wir befinden uns im siebten Kreis: Gewalt. Im Phelegton werden die gewalttätigen Seelen von ihrer Verderbnis gereinigt indem man sie in siedendem Blut abkocht. Und wie ihr den Schmerzschreien entnehmen könnt ist das nicht besonders angenehm." Seth kicherte humorlos "Man könnte sagen sie müssen den Schmerz den sie anderen zufügten hier nun selbst erleiden." Der Geist grinste die drei an "Mein Lieblingskreis."

"Ich wusste ich würde entsetzt sein... aber ich Depp musste ja fragen." kommentierte Shuma.