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„Was ist das?“ Srillp deutete nach vorne.

 

„Was ist was?“ fragte Nuala, die in der dunstigen Luft nichts erkennen konnte.

 

„Na das!“ Szrillp deutete erneut nach vorne.

 

„Na so was!“ in dem Dunst zeichnete sich langsam eine merkwürdige Gestalt ab.

 

„Es kommt bestimmt vom Amazonas.“ Quiekte Jirlazüp für die alle merkwürdigen Kreaturen immer aus dem Amazonasgebiet kamen.

 

„Ein Verwandter der Boas?“ Simwibb war der lange schlangenförmige Körper der Kreatur aufgefallen.

 

„Ja und es lebt von Sassafras.“ Jirlazüps Stimme klang hoffnungsvoll. Sie wollte keinem Fleischfresser begegnen. Vor allem nicht einem von dieser Größe.

 

„Aber der wächst doch in Arkansas.“ Zerstörte Nuala ihre Illusionen.

 

„Das Ding hat drei Köpfe, es lebte bestimmt schon im Trias.“ Kein vernünftiges Lebewesen hatte drei Köpfe, also musste das Wesen vor ihnen nach Szrillps Meinung irgendetwas Altertümliches sein.

 

„Bei einem bin ich mir jedenfalls sicher. Es ist nicht Bestandteil des Kamasutras.“ Jirlazüp klang sehr überzeugt und Nephele nickte zustimmend.

 

„Äh, Kamasutras? Was ist das?“ Nualas Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

 

„Eine Art Sexualatlas.“ Bevor Nephele weitere Erklärungen liefern konnte schob sich einer der Köpfe des Wesens auf einmal nach vorne.

 

„Ob sich seine Hälse zusammenfalten lassen wie Ziehharmonikas?“ Simwibb machte sich mal wieder Gedanken um technische Details. Drei Köpfe erschienen ihm ziemlich unpraktikabel.

 

„Mag es wohl Ananas?“ Szrillp hatte die erstbeste Dose aus der Muffin-Back-Tasche gezogen und sah sie zweifelnd an.

 

„Bestimmt nicht, dann hätte es nämlich keine Adipositas.“ Bei Wurmförmigen Kreaturen war es schwer zu beurteilen, ob sie übergewichtig waren. Doch Jirlazüp fand das Wesen vor ihnen einfach zu groß und hatte deswegen beschlossen, das es übergewichtig sein müsse.

 

„Ich glaube es frisst Aas.“ Genau genommen war es kein Aas, was das Wesen verschlang sondern Seelen. Mit allen drei Mäulern schnappte es nach ihnen und schluckte sie herunter.

 

„Und zum Nachspülen gibt’s ein paar Wodkas?“ sie kamen nicht dazu die Ernährungsgewohnheiten des Wesens näher zu erläutern denn Nuala verzog das Gesicht und blieb stehen.

 

„Sein Gestank hat jedenfalls eine Ähnliche Wirkung wie Anästhesiegas.“ Stellte sie mit gepresster Stimme fest und versuchte möglichst nur durch den Mund zu atmen.

 

„Er wäscht sich bestimmt nur zu Epiphanias.“ Auch den anderen fiel jetzt der üble Geruch des Wesens auf.

 

„Leute was ihr hier erzählt sind ja wohl nur Galimathias.“ Bemerkte Seth, der natürlich wusste was das Wesen vor ihnen war. Zudem war als Geist von dem Gestank auch nicht betroffen.

 

42

Sie durchschritten eine Schlucht die auf den Turm im Auge des Sturms zu führte. Seth schwebte immer schneller vor ihnen, bis sie sein schwaches Leuchten im Wind kaum noch sehen konnten. Über ihnen heulte der Sturm und wirbelte Seelen durch die Luft und Sukkubi tanzten am Himmel. Sie eilten an einer Seele vorbei, die sich zu verjüngen schien als der Wind alles fortwehte was sich in ihrem Leben angesammelt hatte. Als sie die Seele passierten war sie gerade dabei einer anderen Seele mit ihrer Schultüte auf den Kopf zu schlagen.

"Sie durchleben ihre Pubertät rückwärts?" Shuma schien entsetzt. Er fand vorwärts schon schlimm genug.

Im tosenden Sturm kam der Turm wieder in Sicht und die drei richteten ihren Blick nach oben. Sie erkannten das der Turm hohl war und durch unzählige Öffnungen und brüchige Löcher in der Fassade durchsichtig genug um im Inneren zwei große Gestalten zu erkennen. Die gewaltigen Figuren eines Mannes und einer Frau schmiegten sich im Turm aneinander während sie zu einer Musik tanzten die wohl nur sie hören konnten.

"Semiramis und Ninos." erklärte Seth "Vermutlich die einzigen Seelen die ihre ewige Liebe wirklich leben können. Ihre Leidenschaft füreinander entfacht den ewigen Sturm des zweiten Kreises."

Je näher sie kamen desto deutlicher waren die beiden gigantischen Gestalten zu erkennen. Shuma starrte sie mit offenem Mund an. Es war nicht so das er bei jedem Rockzipfel sofort anfing zu sabbern (das hatte er an der Akademie schon unter Beweis gestellt), aber wann sah man mal eine 30 Meter große, halbnackte, tanzende Frau?

"Was die wohl für ne Körbchengr..." Nepheles Ellenbogen unterbrach ihn.

Sie erreichten den Turm und sahen vor sich, am Fuß des Turms, eine kleine Tür. Direkt darüber sahen sie zu den beiden gigantischen Tänzern auf, die allerdings scheinbar nur Augen füreinander hatten und keine Anstalten machten die Magier aufzuhalten. Hinter der Tür fanden sie einen Aufzug vor, der die drei Schüler und den Geist in die Tiefe beförderte.

"Wie komfortabel." stellte Shuma fest, der sich die Hölle weit ungemütlicher vorgestellt hatte.

"Die ersten Kreise sind noch harmlos, glaub bloß nicht das es dabei bleibt." kommentierte Seth.

Mit einem Zischen öffnete sich die Tür des Aufzugs und gab vor ihnen eine bräunliche-rote Landschaft frei. Fauliger Dunst lag über der Ebene.

"Dritter Kreis, Völlerei." sagte Seth und schwebte aus dem Aufzug.

41

„Kann man eigentlich feststellen welche Inkarnation der Kerl grad hat?“fragte Nephele in Richtung Seth, der ein wenig die Augen verdrehte. Er wollte so schnell wie möglich von Francesca, der Heulboje wegkommen, ehe sie (wieder mal) auf die Idee kommen könnte alles, aber auch wirklich alles über ihren geliebten Paolo zu erplappern. Wie die meisten hatte Seth sich über die Hintergründe schlau gemacht und festgestellt: Die Schlauste war Franzi nicht eben, nie gewesen und es sah auch nicht nach Besserung aus.

„Du hast doch einen Fung-i?“ fragte er genervt zurück, „Wähl dich ins Karmanet ein und gib den Namen ein. Wenn nicht wieder mal das System verwirrt ist, dann solltest du schnell ne Antwort bekommen.“

Das System war nicht verwirrt. Sondern spuckte die gewünschte Antwort zügig aus – und Nephele verschluckte sich fast lethal. Besorgt klopfte ihr Shuma auf dem Rücken rum, jedenfalls solange bis er sah was auf dem Bildschirm stand und ebenfalls einen schlimmen Lachanfall erlitt. Nur Nuala sah ratlos auf den Namen, der als letzter dort flimmerte.

„Was ist an Hugh Hefner jetzt so lustig?“ erkundigte sie sich und wünschte sich wieder mal, sie würde etwas mehr über nicht-magische Welt verstehen. Sogar Seth flimmerte vor Heiterkeit.

„Ich glaub jemand sollte Francesca mal das eine oder andere Detail über ihren Seelenpartner erklären,“ gluckste Nephele und stiefelte entschlossen zu der noch immer tragisch die Hände ringenden Frau hin. Eine ganze Weile lang redete sie mit ihr und hin und wieder hörten sie „Oh nein! Er liebt mich wahrhaftig!“ und „Er ist der meine, für immer und ewig!“, sowie „Wie könnt ihr nur etwas solches gemeines – wie Fotos?“ - „Filme?!“ - „EINE GANZE ZEITSCHRIFT?!“. Kurz darauf verschwand die wütende Frau, wobei sie einige Teufel brutal beiseite schubste.

„Was hast du ihr erzählt?“ fragte Shuma, der einer Furie namens Francesca nachsah.

„Das eine und andere,“ meinte Nephele leichthin „Aber ich schätze wenn sie sich diese Wut bewahrt dürfte es in 17, 18 Jahren in Playboy Mansion einen HÖLLENaufstand geben ...“

40

"Befteht für unfere Feelen eigentlich auch Gefahr, daf wir von den Behandlungen betroffen find? Ich verftehe ja, daf ef für eine Feele die fich auf die Wiedergeburt vorbereitet Finn macht, gereinigt zu werden, ich habe da im Moment aber noch wenig Bedarf dran."

Nephele sah sie an. "Du meinst: Och nö, nicht schon wieder ein Gedächtnisverlust?"

"Genau daf." grummelte Nuala und sah dann fragend zu Seth auf. "Es ist eine Sache der Inneren Einstellung." erklärte dieser. "Nimm zum Beispiel Franceska von Rimini, sie will nicht vergessen, und ist daher auch nicht von den Effekten betroffen. Hast du als Lebende wiederum Angst davor betroffen zu sein, ist die Gefahr sehr groß, dass es auch auf dich wirkt."

Jirlazüp, die schon eine weile stumm auf Nepheles Schulter gesessen hatte sprang auf einmal auf. "Gleich wieder da." Sie flitzte den Weg zurück den sie gekommen waren und blieb schließlich vor Franceska von Rimini stehen. "Hey, Franzi. Sag mal, bist du eigentlich total bescheuert? Stehst hier rum, jammerst deiner verflossenen Liebe hinterher und verhinderst so, dass du wiedergeboren werden kannst. Währenddessen vergnügt sich dein Macker in unzähligen Leben mit den verschiedensten Weibern. Und eines kann ich dir sagen. In keinem dieser Leben hat er auch nur einmal an dich gedacht. Nein, in jedem der neuen Leben hat er die 'Liebe seines Lebens' gefunden. Und das solltest du auch tun. Deinen fetten Arsch, da draußen in den Wind schwingen und dir mal kräftig dein Gehirn durchpusten lassen. Dann wiedergeboren werden und dir einen neuen Macker suchen. So!" Die Gnomin wirbelte herum und ließ die Seele von Franziska von Rimini stehen die ihr verdutzt hinterher sah.

Jirlazüp kam zurück, flitzte auf Nualas Rücken, gab dem verblüfften Szrillp einen Kuss, murmelte "Falls ich an der Unwirksamkeit des Sturmes zweifel und nicht mehr dazu komme." und sprang dann weiter auf Nepheles Schulter. Szrillp fiel vor Verblüffung beinahe von Nualas Rücken.

"Und wie kommt ef, dass fich einige noch an ihre vorherigen Leben erinnern können? Oder ist daf nur Einbildung? Fönes Beifpiel ift da die Fache mit Belle und Fophia." Seth verzog genervt das geisterhafte Gesicht. "Entfuldige. Dunkelmond war meinef Wiffens nach auch der Meinung ihren Feelenpartner gefunden fu haben. Und Mia doch auch oder? Jedenfallf wie paffiert fowaf? Fuviel Arbeit hier unten und einige rutschen fo durch? Oder reine Einbildung von verwirrten Teenagern?"

39

"War ja klar das hinter so einem Portal eine Höhle liegen musste." merkte Shuma an.

"Oh Gott, ist das schwül hier drin!" beschwerte sich Nuala, deren dichter Pelz ihr in so einem Klima zum Verhängnis wurde.

"Vorsicht Sterbliche, es ist rutschig." warnte Seth

"Erinner mich nicht daran!" knurrte Nephele die garnicht wissen wollte durch was für eine Substanz sie gerade wateten.

"Na, wie wäre es mit ein bisschen Spaß?" schnurrte ein Sukubus Shuma ins Ohr.

"Nein danke, ich amüsiere mich bereits köstlich." entgegnete Shuma.

Im hinteren Teil der Höhle fanden sie ein weiteres Portal. Die Drei schlüpften durch das Tor und fanden sich auf einer weiten, zerklüfteten Ebene wieder. Tiefe Schluchten durchzogen die Landschaft und ein Sturm zog unter einem dunkel verhangenen Himmel über das Land. Sah man sich aufmerksam genug um, dann stellte man fest das der Sturm ein Tornado war in dessen Auge, weit vor ihnen, ein hoher Turm aufragte. Shuma erkannte das der Turm die Quelle des Windes war.

"Nicht ganz was ich erwartet hätte!" brüllte Shuma über den tosenden Wind

"Der Wind weht Dinge fort mit denen die Seelen in ihrem nächsten Leben nichts anfangen können. Liebe, Freundschaften, Neigungen..." Seth brach ab und es war ihm anzusehen das er das letzte Wort lieber nicht laut ausgesprochen hätte.

Sie kamen an vielen Seelen vorbei die sich im Sturm duckten und aneinander festhielten, während etwas das nach schwarzem Rauch aussah aus jeder Seele herausgepustet wurde. Sie folgten Seth einen felsigen Pfad entlang, der auf den Turm im Auge des Sturms zuführte.

Als sie um eine Kurve bogen kam vor ihnen eine zusammengesackte Gestalt in Sicht, die sich gramgebeugt an eine Felswand lehnte und sich den Handrücken an die Stirn presste "Oh weh mir!" klagte sie.

"Oh nein, Francesca!" japste Seth und drängte die Gruppe weiter "Bloß nicht ansprechen, die sabbelt einem Blasen ans Ohr!"

"Wer ist das?"

"Francesca da Rimini. Hat zu Lebzeiten ihren Seelenpartner gefunden, ihr wisst schon, große Liebe über den Tod hinaus und so weiter. Ihre Seele weigert sich diese Liebe loszulassen und kann darum nicht wiedergeboren werden. Sie will hier, im zweiten Kreis, auf ihren Liebsten Paolo warten. Das Problem ist nur: seine Seele wurde wiedergeboren, mehrfach sogar. Er hat sie längst vergessen. Und so ist Francesca dazu verdammt solange hier zu bleiben bis sie über Paolo hinwegkommt... was vermutlich niemals geschehen wird, aufgrund erwähnter großer Liebe. Tragische Sache."

Shuma sah den Geist des Dämons fragend an "War das der Grund warum du auch den letzten Rest deiner Menschlichkeit aufgegeben hast? Um deine große Liebe zu überwinden?"

"Kümmer dich um deinen eigenen Kram Junge!" fauchte Seth und schritt energisch weiter.

 

38

Minos hatte die drei Sterblichen vorbeigelassen das grenzte ja schon an Revolution. Nein, das war Revolution. Na schön alle Teufel waren irgendwo revolutionäre, sonnst wären sie keine Teufel, sondern würden friedvoll durch die Silberstadt flattern aber trotzdem: Also das war FRECH. Eingeschnappt schnippte Luzifer gegen seine Allesehkugel und wälzte Pläne der kleinlichen Rache wider Minos musste sich aber eingestehen, das es sein grundlegendes Problem nicht im mindesten löste: Die Wette und die Tatsache das diese drei Sterblichen sich beiweiten nicht so paddelig anstellten wie er gedacht hatte. Er würde entschieden mehr aufbieten müssen um diese Wette nicht zu verlieren … Luzifer hasste es wetten zu verlieren. Da konnte er richtiggehend gemein werden.


„Also, wir, ähm, wir betreten jetzt den Kreis der … also ich weiß nicht wie man das jetzt richtig sagen soll … andererseits seid ihr ja alle alt genug, also: Aufgeklärt seid ihr, oder?“ Wider jeder anatomischen Machbarkeit schwitzte Seths Geist dicke Tropfen Geisterschweiß. Er stammte aus Zeiten, als Aufklärung daraus bestand, das hochverlegene Eltern etwas von den „Wundern der Natur“ faselten und schließlich entnervte Väter ihre Söhne mit in das Bordell nahmen – wie die Mütter es regelten wusste er nicht.

Die drei Jungzauberer hingegen entstammten aus einer Gesellschaft die sowas wie YouPorn hervorgebracht hatte und waren in der Hinsicht erstaunlich schwer zu schockieren. Schockierenderweise.


Die Pforte zum Kreis der Wollust machte einen organischen, pulsierenden Eindruck und glühte tiefrot vor sich hin. Mit sehr spitzen Finger stupste Shuma gegen das weiche, leicht schleimige Material. „Ist es das, was ich befürchte?“ fragte er seine beiden Begleiterinnen, die ein Gesicht zwischen ratlos und angeekelt zogen.

„Irgendwie bin ich auf eine detaillierte Antwort gar nicht sooo scharf,“ murmelte Nephele und betätigte den Klopfer, der eine auffällige Ähnlichkeit mit einem Piercingring besaß.

„Detaillverliebt,“ grunzte sie während Nuala hinter ihr leise im Chor mit den Kobolden kicherte. Mit einem leisen schmatzen wogte das Tor auseinander und gab Ausblick auf etwas, das aussah wie eine Sadomaso-Sauna in der Hölle. Immerhin, das passte.

Nach einigen Minuten das staunenden Umhersehens hüstelte schließlich Nephele: „Also, ein bisschen pervers geht es hier schon zu, oder?“

„BISSCHEN?!“ Seths Gesicht verrutschte deutlich „Was …?!“

„Du bist Dämon geworden, bevor es das Privatfernsehen gab, oder?“

Mit übermenschlicher Willensstärke kämpfte Seth das Bedürfnis nieder etwas zum Thema „Die völlig verdorbene Jugend von heute“ zu sagen. Nicht an diesem Ort.

37

"Ich bin Fionnuala Macryan und daf find meine Freunde Nephele von Brockenfelf und Fuma Gorath. Die Gnome find Frillp, Jirlafüp und Fimwibb." stellte Nuala sie vor. Szrillp unterdrückte nur mühsam ein Kichern "Frillp?" Nuala spürte geradezu, dass er von einem Ohr zum anderen Grinste. "Jirlafüp?" "Fei ftill!"

"Und was wollt ihr hier?" fragte Minos mit dröhnender Stimme.

"Wir wollen in den unterften Höllenkreif." rief Nuala zu ihm hinauf.

"Ihr seid Sterbliche." stellte Minos ziemlich treffend fest. "Ich kann euch nicht vorbei lassen."

"Sieh mal in deinem Dämonen Kodex nach, ob das wirklich so ist." schaltete sich Seth in das Gespräch mit ein. Minos griff hinter sich und es sah aus als ob er aus der leeren Luft eine Pergamentrolle hervor holte. Er zog sie auseinander und hielt sie sich vors Gesicht. Dann warf er sie laut schnaubend zur Seite.

"Wie soll ich denn da reinsehen, du Witzbold, ich bin blind!" tobte er und ließ seinen mächtigen Schlangenkörper durch die Luft peitschen.

"Mist, es ist ihm aufgefallen." murmelte Seth leise. Dann hob er wieder die Stimme. "Hey Minos, hast du nicht noch eine Rechnung mit Luzifer offen?"

"Selbst wenn es so wäre, was ginge euch das an?" knurrte Minos.

"Naja, ich wüsste eine Möglichkeit wie du Luzifer eins auswischen kannst. Er hat ein sehr persönliches Interesse daran, das es diese Sterblichen nicht bis in den untersten Höllenkreis schaffen."

"Soso, Luzi will also nicht dass sie es bis nach unten schaffen..." Minos Stimme klang nachdenklich. "Nun, wenn ich genauer darüber nachdenke bin ich mir eigentlich ziemlich sicher, dass in meinem Kodex nichts von Sterblichen steht. Sie haben mich also nicht zu kümmern." Damit griff Minos nach der nächsten geduldig wartenden Seele um sie tiefer in die Hölle zu befördern.

"Los kommt." Seth scheuchte sie zu der kleinen Tür und sie traten hindurch.

36

Charon stieß sich mit den Armen vom Pier ab und fuhr dann flussabwärts. In seinem massigen Leib (oder sollte man es Frachtraum nennen?) warteten die Seelen geduldig ab während die Fähre sachte schaukelnd durch das schwarze Wasser fuhr. Neugierig spähte Shuma über die Reling nach vorn und sah wie Charon seine Arme nutzte um sich am Grund des Flusses festzuhalten und voran zu ziehen.

Links von ihnen ragten Klippen auf, hinter denen es steil bergab ging, hinunter in den nächsten Kreis wie Seth erklärte, da der Acheron am Rand des ersten Kreises entlanglief. Rechts des Flusses lagen die finsteren Wälder des Limbus, in denen schemenhafte Seelen umherirrten.

Irgendwann wichen die Klippen zu ihrer Linken einem schwarzen Sandstrand, den Charon ansteuerte. Er zog sich seitwärts an den Strand heran, dann klappte die große Laderampe herunter und die Teufel begannen die Seelen von der Ladefläche zu scheuchen. Mitten unter den zahllosen Geistern marschierten die drei Magier und Seths Geist über die Rampe und stapften dann den Strand hinauf. Vor ihnen ragte eine gewaltige Festung auf, die die Seelen ansteuerten.

Die Drei durchschritten das große Tor der Festung und fanden sich in einem riesigen kreisrunden Innenhof wieder. Die Toten bildeten links und recht eine lange Schlange und warteten geduldig, wie nur Tote es sein können, ab. Direkt gegenüber des großen Tors ragte eine monströse Gestalt auf. Ein menschlicher Körper, etwa zehn Meter hoch, beugte sich halb durch einen Torbogen, scheinbar der einzige Weg hinaus aus dem runden Hof. Die Augen schienen zugewachsen zu sein und nur zwei leichte Wölbungen unter der grauen Haut erinnerten an die Augenhöhlen. Auf dem Kopf ragten mehrere hautüberzogene Auswüchse, so dass es aussah als trage die Gestalt eine Krone unter der Kopfhaut. Beine hatte das Wesen nicht, sondern einen langen Schlangenschwanz, dessen Ende halb in den Hof hineinragte.

"Das ist König Minos." erklärte Seth "Er begutachtet die Seelen und entscheidet was mit ihnen passieren soll."

Minos griff nach der Seele die ganz vorne in der Schlange stand und hob sie vor sein Gesicht "Zornig!" donnerte seine Stimme. Sein Schlangenschwanz pflückte die Seele aus Minos Hand, dann peitschte er davon um kurz darauf ohne die Seele wieder zu erscheinen. Minos packte die nächste Seele "Süchtig!" verkündete er und wieder umschlang der Schlangenschwanz den Toten um ihn fortzubringen. Diesmal kam er schneller zurück. "Gewalttätig!" lautete das Urteil für die dritte Seele und der Schlangenschwanz blieb etwas länger außer Sicht als beim ersten Mal. "Verdorben!" donnerte Minos bei der vierten Seele und der Schlangenschwanz blieb diesmal am längsten fort bis er sich wieder in den Hof schlängelte.

"Hier entlang, schnell." sagte Seth und führte die drei auf einen kleinen Torbogen ein paar Meter neben Minos zu. Sie erreichten den Torbogen jedoch nicht, denn eine gewaltige Faust schmetterte vor ihnen auf den Boden. Minos beugte sich näher zu ihnen und schnupperte "Wer betritt mein Haus der Schmerzen?"

35

„Technisch gesehen sind wir sozusagen untot.“ Charon sah auf Nephele herab, mit jenem Blick den sie öfter erntete, dem klassischen „Hat die noch alle Tassen im Schrank“ Blick.

Nicht tot ist nicht tot,“ grollte Charon, „Ich beförder nur die Toten.

„DAS stimmt SO nicht ganz,“ widersprach Nephele, „Es gibt Präzedenzfälle für das Gegenteil.“

Wortlos grollte Charon nochmals auf und betrachtete das Menschengeschöpf etwas genauer. Wollte das Menschlein wirklich mit ihm über die Beförderung diskutieren?

„Du hast Herakles rüber gebracht und auch Orpheus,“ erklärte Nephele, „Und die beiden haben erheblich mehr an Aufruhr verursacht, als wir drei je könnten.“

Die hatten Gründe. GUTE Gründe.

„Die haben wir auch,“ behauptete Nephele, „Nuala ist auf der Suche nach ihrem Liebsten, den sie nur erreichen kann wenn sie die Hölle durchquert und einen besseren Grund hatte Orpheus ja nun auch nicht.“

„Wer? Was?“ Ungeduldig hibbelte der Teufel umher, die Verzögerung machte ihn nervös, „Wer soll hier durch sein?“

Vor deiner Zeit. Ich diente schon verschiedenen Herrn.“ Die großen, trüben Augen fixierten die drei reisenden, die sich alle Mühe gaben nicht klein und etwas nervös auszusehen. „Wollt IHR euch wirklich mit den Helden von einst vergleichen?!

Na ja, wir üben noch?“ schlug Nephele vor – das sah nicht so gut aus. „Wir haben das Geld für die Überfahrt?“ Sie zog drei angelaufene Silbermünze hervor, bei deren Anblick etwas gieriges in Charons Gesicht einschlich. All die Münzen die er im laufe der Jahrtausende erhalten hatte, nicht eine davon hatte er wider hergegeben, alle hatte er sie gesammelt. Heute bekam er nur noch selten den preis gezahlt und ihn selbst interessierten die Seelen nicht wirklich. Das war Teufelswerk, nicht seines. Und nun, nach Jahren ohne selbst einen rostigen Euro, ohne eine schimmligen Pesete, einen gammligen Dollar, da hielt ihm das Mädchen drei Teufelstaler unter die Nase (na gut, technisch gesehen: In die Richtung die sich vage unter der Nase befand).

He, du wirst doch nicht etwa …?!“ Der Teufel erkannte den Sinneswandel schneller als Charon selbst. „Das sind doch nicht mal Goldmünzen!“

Die sind mehr wert als Gold,“ seufzte Charon gierig, „Diese Münzen wurden von Herrn Urian höchstselbst in einer wilden Walpurgisnacht geprägt und im Blut des Prägemeisters gehärtet, dem er für seinen doppelten Verrat den Hals umdrehte.

Klingt nach den üblichen Formalitäten,“ brummte der Teufel angenervt, er wollte das es endlich weiterging, bevorzugt ohne die drei Wänste.

Die sind selten! Es gibt nur acht Exemplare!

Na und? Die drei sind ja nichtmal tot!“

Ihre Körper zeigen ungewöhnliche Funktionsanzeichen ...

Sie haben Körper! Seelen sollten keine Körper haben wenn sie hier aufschlagen!“ tobte der Teufel rum, bis Charons gewaltige Hand sich auf ihn senkte und in eines der Unterdecks schob, während er mit der anderen Hand die drei Silberstücke einkassierte.

Ihr habt den Preis gezahlt, ihr dürft übersetzten,“ verkündete Charon feierlich und sie betraten die Fähre.

Daf er fich darauf eingelaffen hat ...“ wunderte sich Nuala, aber Nephele schien sich ihrer Sache recht sicher gewesen zu sein. „Numismatiker,“ meinte sie, „Wenn es um Münzen geht, dann kennen die nix.“

Und woher haft du diefe Münfen? Nichtmal DU schlepft auf gut Glück solche Münfen mit dir um!“

Etwas verlegen sah sich Nephele um, ehe sie meinte: „Sagen wir mal, es wäre besser wenn sich im Heimatmuseum von Brockenfels niemand so ganz genau die ausgestellten Exemplare ansieht … ich hab sie -ähm- ausgeliehen.“

Aufgeliehen? Ich glaub nicht daf Charon die je wieder raufrückt!“

Ich hab nie über die Länge der Leihfrist gesprochen,“ stellte Nephele spitzfindig fest. „Und Sankt Nimmerlein ist ein durchaus nicht ungebräuchliches Datum.Außerdem wir sind auf dem Boot und kommen ja eh demnächst in die Hölle ...“

34

"Irgendwie ist die Vorstellung abschreckend in ein lebendiges Boot zu steigen." murmelte Szrillp auf Nualas Rücken. Sie konnte dem nur Zustimmen. Von Charon ging ein merkwürdiger Geruch aus. Nicht gerade unanagenehm aber auffallend. Er roch als ob jemand den Geruch eines Flußes an einem heißen Sommertag konzentriert hatte, nach Schlick, Algen und brackigem Wasser.

Träge dümpelte der Bootsmann im Wasser, die Augen halb geschlossen, geduldig abwartend bis alle seine Passagiere eingestiegen waren. Die Teufel hingegen verbreiteten Hektik, trieben die Seelen an schneller einzusteigen. Sie hatten einen straffen Zeitplan den es auf jedenfall einzuhalten galt. "Na los, nicht so lahm. Bewegt euch. Aufrücken da vorne." Laut rufend trieben sie die Seelen an.

Als die Jungmagier und ihr Geisterhafter Führer näher kamen sahen sie, das am Eingang des Schiffes ein weiterer Teufel hinter einem großen Pult saß. Jede Seele die an ihm vorbei kam hielt kurz an und Teufel und Seele drückten kurz zwei Daumen aufeinander.

"Waf machen die da?" fragte Nuala erstaunt. "Sie entrichten ihren Obulus. Alles hat seinen Preis, auch die Dienste des Fährmanns. Früher wurde den Verstorbenen eine Goldmünze unter die Zunge, oder auch auf die Augen gelegt, als Bezahlung für Charon. Doch dieser Brauch ist schon lange vergessen. Jetzt müssen die Seelen, man Verzeihe mir das Wortspiel, mit ihrer Seele bezahlen. Bei jeder Fahrt müssen sie einen kleinen Teil von sich selbst an Charon abgeben." Erklärte Seth.

Sie hatten das Ende der Schlange erreicht und langsam rückten sie mit ihr vor, immer näher an das ungewöhnliche Schiff heran. Nuala beobachtete weiterhin fasziniert die Entrichtung des Obulus. Im Näherkommen erkannte sie, dass jedesmal wenn Teufel und Seele ihre Daumen aufeinander gedrückt hatten ein kleiner Tropfen am Finger des Teufels hängen blieb, den er in eine große Schale die vor ihm stand fallen ließ.

"Waf macht er mit den Feelentropfen?" fragte sie schließlich. "Wer Charon? Keine Ahnung." war Seths unbefriedigende Antwort.

Schließlich standen nur noch wenige Seelen vor ihnen und einer der Teufel sah die Gruppe an. "Hey, was ist das denn? Die sind ja noch gar nicht tot." rief er erstaunt aus.

"Was? Noch nicht Tot?" donnerte Charons Stimme über die Hafenanlage.

33

Seth drängte darauf weiterzugehen, also setzten sie den Weg durch den finsteren Wald, vorbei an zahllosen schwarzen Schemen, den Toten die den Wald bevölkerten, fort. Schließlich lichtete sich der Wald und von weiter vorn hörten sie einen Fluß rauschen. Auf einer kleinen Anhöhe hielt Seth an, die drei versammelten sich um ihn und sahen hinunter.

Unter ihnen erstreckte sich eine große Hafenanlage am Ufer eines breiten dunklen Flusses. Seelen strömten aus allen Richtungen herbei und versammelten sich im Hafen. Irgendwie erwartungsvoll blickten sie flußaufwärts.

"Das ist der Acheron, einer der drei großen Flüsse der Hölle." erklärte Seth "Wir haben Glück, wir sind genau zum richtigen Zeitpunkt hier. Da kommt Charon."

Seth zeigte flußaufwärts, wo sich ein großes Schiff aus dem Nebel schob. Als es näher kam konnten die drei das Aussehen des Schiffs besser erkennen und Shuma japste erschrocken.

Der hintere Teil des Schiffs unterschied sich kaum von einem normalen Frachter, sah man davon ab das der Rumpf sehr organisch wirkte. Der Bug des Schiffs lief in den Torso eines riesigen Mannes aus, dessen gewaltige Schultern von Algen besetzt waren. Der riesige Kopf richtete den Blick auf den Hafen und mit seinen langen Armen zog sich der Schiffs-Mann an die Anlegestelle.

"Dieses ganze Ding ist Charon?" fragte Shuma entsetzt

"Ja. Charon ist die Fähre, die die Toten entweder tiefer in die Hölle bringt" Seth deutete flussabwärts "oder zum Purgatorium, wo sie wiedergeboren werden." Seth deutete flussaufwärts, wo sie am Horizont einen großen Berg aufragen sahen, dessen Gipfel eigenartig in der ansonsten finsteren Umgebung glühte.

"Kommt euch dieser Berg irgendwie bekannt vor?" Seth grinste die drei an, die zaghaft nickten "Das liegt daran das ihr ihn schonmal gesehen habt. Mehrmals. Jede Seele die bereit ist für die Wiedergeburt wird von Charon dorthin gebracht. Die Seele muss den Berg hinauf und auf dem Gipfel werden dann ihre Erinnerungen gelöscht. Ihr seid schon unzählige Male dort hinaufgestiegen, zwischen euren Leben." Seht sah versonnen zu dem fernen Berg hinüber, dann zuckte er mit den Schultern "Kommt, wir sollten unsere Fähre nicht verpassen. Charon ist sehr pünktlich."

Der Frachtteil Charons öffnete sich und ein Schwarm Teufel flog hinaus, während die Luke krachend auf den Pier schmetterte. Unter den wachsamen Blicken der Teufel und Charon selbst stiegen die Seelen im Hafen über die Luke ins Innere von Charon.

32

„Toll, wenn ich geahnt hätte, wie sehr Shuma auf verdroschen werden steht ...“ Nepheles Nase kräuselte sich deutlich.

„Nehme an es kommt auf die Person an, die ihn verhaut,“ grinste sie Seth an, „Bruce Lee ist okay, aber Fräulein von Brockenfels könnte Komplikationen ergeben.“

„Ich hatte nicht vor ihn zu verhauen,“ schnaufte sie derart wenig überzeugend, das selbst jemand, der noch nie in einer Beziehung war es nicht geglaubt hätte. „Nicht wirklich.“ fügte sie leicht rosa hinzu, während Seths Grinsen wider jeder anatomischen Möglichkeit breiter und breiter wurde. „Gelegentlich. Und DAS geht dich nun echt NICHTS an!“

„Ich sag ja gar nichts.“

„In Sachen Beziehungen dürftest ausgerechnet du auch nicht grad der Experte sein, wenn ich mich richtig erinnere,“ bemerkte Nephele ein wenig spitz, was Seth immerhin dazu brachte das grinsen einzustellen.

„Sofia war einmal eine aufregende Frau,“ muffelte er vor sich hin, „Eine wirklich aufregende Frau, die mich ungemein gereizt hat.“

„Jau, reizend war sie in der tat. Nach ein, zwei Minuten war ich richtig gereizt …“

Etwas das nach „Grmpf“ klang war von Seths Geist zu hören. Tatsache war: Der Teil von ihm, der nicht hormonell schwer gestört gewesen war, der war ebenfalls schwer gereizt gewesen. „Töte sie für mich!“ - was bitte war das für eine Ansage? Seine Braut sollte da nicht dastehen und was erlegt haben wollen, sie sollte sich die nächstbeste Axt schnappen und selbst durchschlachten. Überhaupt – war Sofia schon immer so zickig und zimperlich gewesen? Es gab gewisse Eigenheiten einer Seele, die sich nicht wirklich änderten und das hatte ihn nachdenklich gemacht. Später jedenfalls. Zu spät. „Ich würd gerne auf das Thema Sofia verzichten,“ grollte er, „Das hat mich genug gekostet – mein Reich, meine Karriere, meine Nerven und von einer ziemlich kostspieligen Entohrwurmung ganz zu schweigen.“

„Hör mal, es war nicht unsere brillante Idee mit Soferl beim Schein schwarzer Kerzen Hochzeit feiern zu wollen, statt dich um das Auge der Kali-Ma zu kümmern, was ja wohl der urspüngliche Plan gewesen sein soll,“ stichelte Nephele, die im Dämmerlicht des Waldes versuchte Wurzeln weiträumig zu vermeiden. Schon gewöhnliche Wurzeln waren heimtückisch, aber in diesem Wald legten sie es regelrecht darauf an, das man über sie stolperte.

„Ich … äh … es nutzt jetzt vermutlich wenig, wenn ich sage, es war eine Art Bann, der mich da getroffen hatte?“

„Wenn ich mal wild spekulieren darf: Vor lauter Karriereplanung hattest du in den letzten -sagenwirmal- 50 Jahren das Thema horizontaler Ausgleichssport vernachlässigt und die berüchtigte Magie der ungebändigten Schlange machte aus deinem Verstand hormonelle Matschepampe?“ Für jemand, der erst noch siebzehn werden wollte hatte Nephele das Problem recht gut erkannt, musste Seth säuerlich zugeben. Er befürchtete nur, das sie irgendwann auf jene andere Schlußfolgerung kommen würde: Das sie mit dem Versemmeln der Hochzeit seinen Hintern gerettet hatten. Er wäre um ein Haar der Hölle größter Pantoffelheld geworden.